Sport : Grollen in Athen

Nach Freispruch für Kenteris/Thanou erwarten die Griechen, dass ihnen der Weltverband folgt

Torsten Haselbauer[Athen]

Die erste Aufregung um den Freispruch für die Leichtathleten Ekaterina Thanou und Kostas Kenteris war gerade verflogen, da blickten die Griechen erstaunt über ihre Grenzen. Die griechischen Fernsehsender zeigten Berichte von Korrespondenten aus aller Welt, die für die Athener Entscheidung kein oder wenig Verständnis hatten. Das wiederum irritierte die Griechen, die fest mit diesem Urteil gerechnet hatten.

Schon die stete Verschiebung des ursprünglich für Februar erwarteten Urteils deutete darauf hin, dass die Disziplinarkommission des griechischen Leichtathletikverbandes (Segas) es sich doch nicht so einfach machen wollte, wie es die internationale Sportwelt allgemein erwartete: nämlich das im Dezember vom Internationalen Leichtathletikverbandes (IAAF) ergangene Urteil gegen Thanou und Kenteris zu verschärfen und die Beden zwei Jahre zu sperren. Die IAAF hatte Beide erstmal suspendiert. Die Athleten waren der Aufforderung zu Dopingkontrollen in Chicago, Tel Aviv und auch einen Tag vor dem Beginn der Olympischen Spiele in Athen nicht nachgekommen. Und sie lagen nach einem mysteriösen Motorradunfall mehrere Tage ins Krankenhaus und waren damit unerreichbar für Dopingkontrolleure.

Die Disziplinarkommission entlastete Thanou und Kenteris nicht nur, sie fand auch gleich den passenden Sündenbock: „Die Aufforderungen der Welt-Antidoping-Agentur Wada an die Athleten einen Tag vor den Olympischen Spielen zur Dopingprobe zu erscheinen, ist nie bei den Athleten angekommen, sondern immer bei ihrem Trainer Christos Tzekos hängen geblieben.“ Deshalb träfe die Athleten keine Schuld. Der umtriebige Tzekos wurde für sein Verhalten mit einer vierjährigen Sperre bestraft.

Der Coach gefiel sich in der Opferrolle und ließ seit dem Urteil keinen Interviewwunsch aus. „Ich bin froh, dass meine Kinder nun für unschuldig erklärt wurden. Sie werden noch viele Erfolge feiern“, sagte Tzekos in Funk und Fernsehen rund um die Uhr. Tzekos als treusorgender Vater, der seine Kinder beschützt und sogar für sie die Schuld auf sich lädt – so etwas kommt in der griechischen Gesellschaft immer gut an. Dass sich der „Übervater“ der griechischen Leichtathletik trotz seines „Berufsverbotes“ als „der glücklichste Mensch der Welt“ bezeichnete, passt nur zu gut in dieses endlose griechische Dopingdrama.

In einem „Minderheitenvotum“ erklärte der Professor für Europäisches Verwaltungsrecht, Stilianos Perrakis, einer der Segas-Richter, „dass das ganze Verhalten der Beschuldigten darauf hinweist, dass sie schuldig sind“. Diese Meinung fand wenig Gehör. Diskutiert wurde allein darüber, wie wohl die IAAF reagieren wird. Die bei den Griechen beliebten „internationalen Verschwörungstheorien“ machen die Runde. Die IAAF hat die Möglichkeit, gegen die Entscheidung beim Internationalen Sportgerichtshof (CAS) Berufung einzulegen. „IAAF und CAS müssen unser Urteil akzeptieren, weil es gerecht ist – ob sie wollen oder nicht“, forderte der Kommentator Alkis Tsavdaras im Radiosender „SKY“.

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