Sport : Groß gegen ganz groß

Jameel McCline fordert Nikolai Walujew heraus – er ist nur 15 Zentimeter kleiner als der russische Riese

Hartmut Scherzer[Basel]

Auch Giganten können schrumpfen. Als die Klitschkos die Bühne des Schwergewichts betraten, staunte die Boxwelt über die Riesen aus Kiew. Witali misst 2,02 Meter, Wladimir zwei Meter. Auch Jameel McCline gehört zumindest nach Körpergröße in diese Kategorie der Hünen: Mit „6’6“ (6 feet, 6 inches) gibt der Amerikaner aus West Palm Beach in Florida seine Größe an. Das sind 1,98 Meter. Wenn Jameel McCline aufrecht daherkommt, mit schwarzer Sonnenbrille wie ein böser Kraftprotz aus einem Bond-Film, mit weißem Rollkragenpullover unter einer schwarzen Lederjacke, macht er eine Furcht einflößende Figur. Was für ein beeindruckend riesiger Kerl von 120 Kilo.

Doch wenn er sich fürs Foto neben Nikolai Walujew stellt, verliert auch der schwarze Hüne seine imposante Größe. 15 Zentimeter kleiner, 30 Kilo leichter: Gegen den Koloss aus St.Petersburg büßt jeder Schwergewichtler seinen Status als Riese ein. Und dennoch: Am Samstag verteidigt Walujew seinen WBA-Titel in der Basler St.Jakobshalle (22.30 Uhr, live in der ARD) gegen einen Herausforderer, der, so seine Einschätzung, „erfahrener, größer und schwerer ist als alle meine bisherigen Gegner“. McCline ist jedenfalls keiner, der unter Walujews Achselhöhlen verschwindet wie etwa John Ruiz (1,88 Meter), dem der Russe vor 13 Monaten in Berlin den Titel durch einen schmeichelhaften Punktsieg wegnahm.

Wenn McClines Herz so groß wäre wie seine Figur, könnte Walujew in Schwierigkeiten geraten. Doch McClines Mut scheiterte schon an den zwei Zentimetern, die Wladimir Klitschko größer ist. Am 7. Dezember 2002 gab McCline eine erbärmliche Vorstellung im WBO-Titelkampf in Las Vegas gegen den jüngeren Klitschko und wollte nur „überleben“. Larry Merchant, als Fernsehkommentator die Autorität im amerikanischen Profiboxen schlechthin, fällte damals ein vernichtendes Urteil: „McCline war schrecklich. Er ist nicht angetreten, um zu gewinnen.“

Walujew muss sich nur das Bild anschauen, wie McCline als zusammengesacktes Häuflein Elend in der eigenen Ringecke kauert, nicht wirklich k.o.-geschlagen, sondern schutzsuchend vor weiteren Prügeln. Als er wieder aufstand, war die 10. Runde und der Kampf zu Ende. McCline wehrte sich nicht gegen die Aufgabe seines großväterlichen Trainers Jimmy Glenn (72) in der Rundenpause, anschließend aber auf der Pressekonferenz gegen den Vorwurf, ein Feigling zu sein. „I’m no quitter.“ – Ich bin keiner, der kneift.

Spricht man McCline in Basel auf diese Schmach in seiner Karriere an, verweist er auf seine mangelnde Erfahrung zu jener Zeit. Er war schon 25 Jahre alt, als er aktiv mit dem Boxen begann. Mit 32 sei er der nervlichen Belastung in seinem ersten Weltmeisterschaftskampf noch nicht gewachsen gewesen. „Ich bin jetzt 36 Jahre alt, mental besser drauf und geistig gereifter und in der besten Form meiner Karriere“, schwadronierte der Spätstarter. In seinem zweiten WM-Kampf (IBF-Version) verlor er gegen Chris Byrd im Herbst 2004 nur durch eine 1:2-Punktentscheidung. Sein Kampfrekord: 38 Siege, 6 Niederlagen, 3 Unentschieden.

Nikolai Walujew (33), 45 Siege in 46 Kämpfen (ein Kampf ohne Wertung), wird in diesen Schweizer Tagen öfter auf Wladimir Klitschko als auf Jameel McCline angesprochen. „Wladimir wäre auf jeden Fall eine echte Herausforderung“, antwortet dann der Russe. „Ich bin jederzeit bereit, gegen ihn anzutreten. Es wäre komisch, wenn ich nicht davon träumen würde, als erster Kämpfer seit Lennox Lewis zum Weltmeister aller Verbände aufzusteigen. Ich bin sicher, Wladimir fühlt genauso.“

Doch bis es so weit sein könnte, werden beide erst einmal zur Pflicht gerufen. Der Sieger von Basel muss sich innerhalb von 90 Tagen dem offiziellen Herausforderer Ruslan Tschagajew aus Usbekistan aus dem Hamburger Boxstall Universum stellen. Wladimir Klitschko muss am 10. März in Mannheim seine Pflichtaufgabe gegen den US-Amerikaner Ray Austin erledigen. Das wahre Duell der Giganten bleibt vorerst nur ein Traum.

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