Sport : Groß ohne große Worte

Der chronisch unterschätzte Nick Heidfeld zeigt, dass er zum Titelkandidaten in der Formel 1 gereift ist

Karin Sturm

Berlin - Die Formel-1-Schlagzeilen, die am Tag nach dem Chaosrennen von Montreal nicht die Worte Robert Kubica beinhalteten, erwähnten vor allem in Großbritannien zwangsläufig einen anderen Namen: Lewis Hamilton. Der erste Grand-Prix-Sieg des 21-jährigen Briten rief umfangreiche Lobeshymnen hervor, die aber gleichzeitig die Tatsache übertönten, dass noch ein anderer im Chaos von Montreal ein perfektes, fehlerfreies Rennen ablieferte. Nick Heidfeld zeigte nicht nur nach Meinung von BMW-Sauber-Teamchef Mario Theissen das vielleicht beste Rennwochenende seiner Karriere und bewies endgültig, dass er ein ernsthafter Titelanwärter in der Formel 1 ist. Es ist fast typisch für den stillen Mönchengladbacher, dass er selbst seine Leistung eher gefasst denn euphorisch aufnahm. Wie auf der Strecke blieb der 30-Jährige ruhig und präzise, äußerte zunächst seine Erleichterung über den glimpflichen Ausgang des Unfalls seines Teamkollegen und nutzte die Pressekonferenz der drei schnellsten Fahrer des Rennens anschließend dazu, seiner Familie eine Liebeserklärung zu machen.

Der Mönchengladbacher gehörte jahrelang zu den am meisten unterschätzten Piloten in der Formel 1. Sicher auch deshalb, weil er nie zu lauten Tönen neigte und nie meinte, mit großen Worten für sich Werbung machen zu müssen. Selbst in schwierigen Zeiten blieb Heidfeld gelassen. Etwa in der vergangenen Saison, als ihn einige schon abschreiben wollten, nur weil Neuling Robert Kubica bei seinem Debüt in Ungarn das Qualifying gegen ihn gewann, oder vor Saisonbeginn 2007, als befeuert durch die schleppenden Vertragsverhandlungen Gerüchte aufkamen, er habe bei BMW keine Zukunft mehr. Heidfeld blieb bei seiner Position: „Ich bin überzeugt, dass sich Leistung am Ende durchsetzt.“ Heidfeld machte seine Arbeit und brachte vor allem mit seinen Fähigkeiten als guter Entwickler eines Autos und seinem Engagement auch das Team immer weiter nach vorne.

Jetzt liegt Nick Heidfeld mit dem BMW in der Weltmeisterschaft nur noch einen Punkt hinter jenem Kimi Räikkönen, der ihm einst einen Platz bei McLaren-Mercedes weggeschnappt hatte und nun mit dem Ferrari als großer Favorit in die Saison gestartet war. Die Verlängerung seines Vertrags mit BMW ist spätestens nach dem Rennen in Montreal wohl nur noch eine Formsache, der erste Sieg wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit. Wenn es soweit ist, wird Nick Heidfeld sich darüber wohl genauso, eher leise freuen wie über seinen zweiten Platz, den er ja - ganz nebenbei - auch noch unter besonderer Belastung herausfuhr. Es war sein Teamkollege, der da neben der Strecke aus einem völlig zerstörten Fahrzeug geborgen wurde - und Heidfeld hatte einiges von Kubicas Unfall mitbekommen: „Ich fragte gleich das Team, denn ich sah sein Auto auf der Seite liegen. Ich sah auf den Leinwänden auch, dass meine Jungs im Team die Hände über den Köpfen zusammenwarfen, und wusste, dass etwas Ernstes passiert war.“ Lange Zeit bekam er keine Informationen über den Gesundheitszustand Kubicas, und „es ist ein unschöner Moment, im Auto zu sitzen, wenn man weiß, dass ein Freund und Teamkollege einen größeren Unfall hatte. Es hat etliche Runden gedauert, bis die Entwarnung kam.“

Wer Heidfeld kennt, weiß, dass das bei ihm keine leeren Worte sind. Er gehört mit Sicherheit zum sensibleren Teil der Fahrer in der Formel 1. Dass er die Stärke hatte, trotzdem nie die Konzentration zu verlieren und alles wegzuschieben, macht seine Leistung noch bemerkenswerter. Selbstverständlich ist das – bei aller Professionalität – nicht. Jarno Trulli etwa gab zu, nach Kubicas Crash völlig geschockt und von der Rolle gewesen zu sein. Kurz darauf knallte der Italiener in einer Safety-Car-Phase prompt selbst in eine Mauer.

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