Sport : Große alte Dame

Talente wie Ost bleiben in Pechsteins Schatten.

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Mäßige Kurvenlage. Die Berlinerin Isabell Ost hat noch viele Probleme mit der Technik. Foto: p-a/dpa
Mäßige Kurvenlage. Die Berlinerin Isabell Ost hat noch viele Probleme mit der Technik. Foto: p-a/dpaFoto: picture alliance / dpa

Berlin - Irgendwann mal, in einem Trainingslager vor der Saison 2011/2012, sagte Claudia Pechstein lässig: „Mädels, lasst uns testen. Wer macht die meisten Liegestütze?“ Pechstein war damals schon 39, fast alle anderen Mädels waren erheblich jünger. „Sie hat uns alle fertig gemacht“, sagt Isabell Ost. Sie ist 23.

Claudia Pechstein macht sie fast immer alle fertig, die vermeintlichen Hoffnungsträgerinnen des deutschen Eisschnelllaufs. Pechstein ist inzwischen 40, sie hat zwei Jahre Dopingsperre hinter sich, aber sie ist die Übergröße, der lange Schatten, in dem Talente wie Isabell Ost aus Berlin verschwinden.

Pechstein lief gestern bei der Einzelstrecken-WM über 3000 Meter knapp an Bronze vorbei (siehe untenstehenden Bericht). Bei Isabell Ost wäre Teamleiter Helge Jasch schon zufrieden gewesen, „wenn sie zwischen Platz zehn und 15 erreichen würde“. Sie belegte Platz 17.

Stephanie Beckert ist auch 23, sie hat schon bei den Olympischen Spielen 2010 Gold (mit dem Team) und zweimal Silber gewonnen, sie hat sich aus Pechsteins Schatten gelöst. Aber sie ist die einzige aus der „Generation Zukunft“. Über den Rest dieser Gruppe sagt Ost: „Wir sind alle frustriert, dass wir hinterher laufen.“ Die Berlinerin Ost verdankt ihr Bronze im Mannschaftswettbewerb bei der WM 2011 Pechstein und Beckert. Die hatten die Schwächste des Trios mitgezogen.

Isabell Ost ist erfrischend offen, wenn sie über ihre Schwächen redet. „Ich bin extrem ineffektiv, wenn ich laufe. Ich bringe meine Kraft nicht aufs Eis.“ Sie ist eher klein, deshalb wirken ihre mächtigen Oberschenkel besonders mächtig. „Technisch hat sie noch Reserven“, sagt auch Jasch. Pechstein hat die bessere Technik, mehr Gefühl fürs Tempo, mehr Wettkampfhärte, sie bleibt auch auf den letzten Runden tief, während Ost „da schon tot ist“ und sich leicht aufrichtet. Problematisch das Ganze, schließlich ist Ost eine der Frauen, die in Zukunft das deutsche Eisschnelllaufen repräsentieren sollen. Die 23-Jährige steht für die Situation aller vermeintlicher deutscher Hoffnungsträgerinnen.

Das alles mündet in die Frage: Ist Pechsteins Übergröße erdrückend oder eine Chance, weil man sich in ihrem Schatten entwickeln kann? „Es ist auch eine Bürde für Isabell“, sagt Jasch. Auch, das ist richtig. Es ist nicht bloß Bürde. Isabell Ost denkt durchaus zwiespältig. Da ist einerseits der Frust, klar, andererseits „absorbiert Claudia viel. In ihrem Schatten kann ich mich aufbauen.“

Ost redet über Pechstein, das hört sich an wie die Schwärmerei der kleineren von der größeren Schwester. „Sie hat diese Selbstsicherheit am Start, die habe ich ein Stück weit übernommen. Ich bin jetzt selbstbewusster als früher.“ Pechstein habe sie auch „motiviert, ruhiger zu werden. Ich habe gesagt, dass ich von ihr profitieren möchte.“ Pechstein gibt Tipps und Windschatten beim Radfahren, sie gibt technische Hinweise, alles nett für eine Trainingspartnerin wie Ost. Aber Jasch und Chef-Bundestrainer Markus Eicher wollen keine Talente, die von Rivalinnen an der Hand geführt werden, sie möchten harten Konkurrenzkampf. „Mädels, warum lauft ihr hinterher?“, hatte Eicher mal fast flehentlich gefragt. „Ihr müsst Claudias Niveau erreichen.“

Pechsteins Niveau, bei diesem Stichwort gerät Ost ja schon wieder ins Schwärmen. „Sie rollt auf Skatern wie eine Weltmeisterin. Sie trainiert wie eine 25-Jährige.“ Beim Radfahren hängt sich die 23-Jährige deshalb „lieber dran“. An eine 40-Jährige.

Jasch versucht’s natürlich auch mit Psychologie. „Isabell“, sagt er dann, „du bist für das Team sehr wichtig.“ Das soll das Selbstwertgefühl heben. Denn mit dem ist es in Wirklichkeit nicht allzu weit her. „Ich bin noch keine Person, die fordern kann, dass sich die Trainer besonders um sie kümmert“, sagt die Psychologie-Studentin Ost. Und fast seufzend gibt sie noch zu: „Wenn Claudia und Jenny mal aufhören, sind wir echt angeschmiert.“ Sprint-Weltmeisterin Jenny Wolf ist 33.

Zwei Jahre hat Isabell Ost noch Gnadenfrist, um sportliches Profil zu entwickeln: Pechstein will bis 2104 laufen.

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