Sport : Große Ehre für ein kleines Land

Liechtenstein kämpft gegen den Ruf, nur Steuerparadies zu sein – die Fußball-EM der U19-Junioren soll dabei helfen

Jutta Meier

Vaduz. Auf den Almen grasen friedlich die Kühe. Im Tal fließt der Rhein und bildet im Westen die Grenze zur Schweiz. Auf östlicher Seite liegt das einzige weitere Nachbarland Österreich. Liechtenstein ist nur knapp 25 km lang und 12 km breit. Das gesamte Land mit seinen 160 Quadratkilometern ist fast sechs Mal kleiner als Berlin. Über der Hauptstadt Vaduz mit ihren 5000 Seelen thront das Schloss, Wohnsitz des Fürsten Hans-Adam II. Unten in der Stadt öffnen fast täglich neue Banken, und die Briefkastenfirmen werden auch nicht weniger. Das Fürstentum ist ja auch ein Steuerparadies.

Es ist ein zweifelhafter Ruf, mit dem der Liechtensteiner nicht glücklich sein kann. Und so bemüht man sich, anderweitig Schlagzeilen zu machen. Zum Beispiel mit der Fußball-Europameisterschaft: „Maldinis, Beckhams und Figos in Liechtenstein“, titelte jüngst die „Liechtensteiner Woche“ hoffnungsfroh. In Liechtenstein kicken aber ab dem kommenden Mittwoch nur die potenziellen Nachfolger der genannten Helden, bei der EM der unter Neunzehnjährigen.

Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein, ältester Sohn des Fürsten, ist der Schirmherr der EM. Deshalb hat er die Vertreter der teilnehmenden Länder in sein Schloss bestellt. Er kennt die Probleme seines Landes und das Bemühen um internationale Anerkennung gut. Die Delegierten sind sehr ehrfürchtig, denn zu so einem Prinzen kommt man nicht alle Tage. Dann sagt der Erbprinz: „Die Vergabe der Europameisterschaft an Liechtenstein ist eine große Ehre für unser Land. Sie zeigt, dass den kleinen Staaten durchaus auch große Dinge zugetraut werden.“ Daran hat Leo Kranz überhaupt keinen Zweifel.

Der Präsident des nationalen Olympischen Sportverbandes (LOSV) bekommt große, strahlende Augen, wenn er von seinem Land erzählt. „Wir hatten da die Hanni Wenzel. Die hat 1976 bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck Bronze im Slalom gewonnen und vier Jahre später Doppel-Gold im Slalom und Riesenslalom.“ Kranz erzählt dann noch stolz vom vergangenen Winter, wo sich auch zwei Liechtensteiner gegen die internationale Konkurrenz behauptet hatten: Marco Büchel und Birgit Heeb-Batliner gewannen je ein alpines Weltcuprennen. „Das sind Erfolge, die in der letzten Saison nicht einmal Deutschland vorweisen konnte“, bemerkt der Sport-Präsident.

Kranz weiß aber schon, dass der Bekanntheitsgrad seiner Athleten über die Landesgrenzen hinweg nicht hoch ist. „Das liegt wohl in der Natur der Sache. In einem kleinen Land gibt es nur wenige große Talente.“ Dabei sieht die Statistik gar nicht so schlecht aus. 13 000 der insgesamt rund 33 500 Einwohner sind Mitglieder eines Vereines. „Das ist ein Drittel der Bevölkerung. Das ist ein toller Schnitt“, findet Kranz. Jedes Jahr werden die Liechtensteiner Landesmeister aller 42 Verbände ermittelt. „Das sind immer richtige Sportfeste“, freut er sich. Einmal mehr liegt es aber „in der Natur der Sache“, dass aus den vielen Landesmeistern keine wirklich großen Sporthelden werden. „Viele glauben einfach nicht daran, dass sie es im kleinen Liechtenstein in den internationalen Spitzensport schaffen können“, sagt Kranz. „Wir sind eben auch ein verwöhntes Volk. Es ist hier vergleichsweise leicht, Landesmeister zu werden. Das genügt den meisten. Denen fehlt die Gewinner-Mentalität.“

Aber woher sollte die auch kommen? Es gibt niemanden, der die Sportler zu Helden machen kann, denn Liechtenstein hat keine eigene Fernsehanstalt. Das Land besitzt nur einen Landeskanal, den man sich als eine Art besseren Videotext vorstellen kann. Die Probleme, die sich hieraus für den Sport ergeben, liegen auf der Hand. „Da wir kein eigenes Fernsehen haben, können wir so gut wie keine Sponsoren für unsere Sportler gewinnen“, sagt Kranz. Dass Liechtenstein ein wohlhabendes Land ist, hilft da auch nicht weiter. „Der Sport wird bei uns bereits mit rund 3,3 Millionen Franken jährlich gefördert“, erzählt Sportminister Alois Ospelt. „Aber weiter sollte es nicht gehen. Der Sport sollte nicht aus politischen Gründen zur Staatsaufgabe gemacht werden.“

Erbprinz Alois mag das ein wenig anders sehen. Er glaubt, wenn die Junioren-EM erst einmal begonnen hat, könne „der Fußball vielleicht auch die Briefkastenfirmen vergessen machen“.

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