Sport : Große Sprünge

Deutsche Reiter zeigen beim CHIO Souveränität

Marlon Gego[Aachen]

Kurt Gravemeier ritt am Rand des Parcours ganz aufgeregt mit. Er ging in die Knie, er beugte den Oberkörper nach rechts, sprang leicht hoch, er beugte den Oberkörper nach links und kaute auf einem weißen Blatt Papier. Im Parcours war Meredith Michaels-Beerbaum für Deutschland unterwegs, Nationenpreis, zweiter Umlauf, CHIO in Aachen, später Donnerstagabend.

Kurt Gravemeier ist der Bundestrainer der deutschen Springreiter, seine Aufregung am Zaun wäre eigentlich gar nicht nötig gewesen. Marcus Ehning, Christian Ahlmann, Meredith Michaels-Beerbaum, Ludger Beerbaum ritten von Anfang an so souverän wie von den meisten erwartet. Der Nationenpreis war in den Tagen zuvor als Revanche für die Niederlage bei der WM im vergangenen Jahr gegen die niederländische Equipe hochstilisiert worden, zum Länderspiel - aber dazu kam es gar nicht erst. Die Deutschen siegten, die Niederländer wurden mit 29 Fehlerpunkten nur siebte und ritten den Deutschen und den im ersten Umlauf unerwartet starken Schweizern von Anfang an hinterher. Die Schweizer Equipe bot den Deutschen bis zum sechsten von acht Pferden einen gleichwertigen Kampf, aber als Markus Fuchs in der dreifachen Kombination die Hinterstange des Oxers mitnahm und kurz danach Meredith Michaels-Beerbaum wie im ersten Umlauf fehlerfrei blieb, war der Nationenpreis entschieden. Die Schweizer wurden am Ende zweite, den dritten Platz teilten sich Schweden und Frankreich.

Kurt Gravemeier wollte anschließend nichts von Genugtuung oder Revanche wissen, er sagte nur, seine Mannschaft habe „prima funktioniert, deswegen ist es ein großer Tag“. Wenn schon von einem großen Tag die Rede gewesen sein soll, dann darf man Ludger Beerbaum nicht vergessen, der gestern zum 100. Mal für Deutschland startete. Beerbaum ist gewiss niemand, dem man mangelnde Selbstkontrolle unterstellen würde, aber als nach Michaels-Beerbaums Ritt der Sieg feststand, da hat man ihren Schwager auf dem Abreiteplatz so ausgelassen feiern sehen wie seit seinem Olympiasieg 1992 in Barcelona nicht mehr. Er hüpfte über die Wiese, umarmte jeden, der ihm nicht schnell genug ausweichen konnte und ließ sich widerstandslos mit Champagner übergießen. Später sagte Beerbaum: „Ich bin wirklich glücklich.“ Für ihn war das ein Gefühlsausbruch.

Zum engeren Favoritenkreis für den Großen Preis am Sonntag zählt Beerbaum trotz seines fehlerfreien Ritts im Nationenpreis (im zweiten Umlauf brauchte er gar nicht mehr anzutreten) trotzdem nicht. Dafür sind seine drei Teamkollegen im Moment einfach zu stark.

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