Sport : Große Vergleiche

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Von Stefan Hermanns

Sapporo. Die Aufregung erreichte ihren Höhepunkt, als Harald Stenger, der Pressechef des Deutschen Fußball-Bundes, einen Nationalspieler auf eine improvisierte Bühne in der Mixed Zone des Sapporo-Domes führte. „Klose?“, fragte ein japanischer Journalist. Klose. Klose. Klose. Erzählen Sie uns etwas über Klose, baten die Journalisten aus aller Welt ihre deutschen Kollegen: Warum ist er so stark? War es sein zweiter oder dritter Hattrick für die Nationalmannschaft? Was sagt Rudi Völler über ihn? Und vor allem: Wann kommt er endlich? Der Nationalspieler, von dem der japanische Journalist annahm, es könnte sich um Miroslav Klose handeln, war es jedenfalls nicht. Das war – Oliver Kahn.

Kahn und Klose sehen sich eigentlich nicht nur überhaupt nicht ähnlich, sie unterscheiden sich auch sonst recht deutlich. Kahn ist derzeit der einzige deutsche Fußballer, der den Status eines Weltstars besitzt, er ist der Kopf der Nationalmannschaft, im übertragenen Sinne ihr Kanzler und Regierungssprecher in einer Person. Klose hingegen, der brave Auszubildende, steht mit 23 Jahren und 13 Länderspielen erst am Anfang seiner Karriere. „Miro gehört die Zukunft in Deutschland“, hat Teamchef Rudi Völler bereits vor Monaten gesagt. Und die Zukunft könnte bereits am Samstag begonnen haben. Im Spiel gegen Saudi-Arabien erzielte Klose drei Tore zum 8:0-Sieg der Deutschen. Der Stürmer vom 1. FC Kaiserslautern ist damit der erste Spieler dieser WM, der öffentliches Aufsehen erregt hat.

Klose schießt ja ganz gerne drei Tore in einem Länderspiel. In diesem Jahr ist ihm das auch schon beim 7:1 gegen Israel gelungen und erst vor zwei Wochen gegen Österreich (6:2). Schon deshalb besitzt der 23-Jährige inzwischen eine extraordinäre Länderspielbilanz. „Elf Tore in 13 Länderspielen: Das kommt schon in die Nähe eines Gerd Müller“, sagt Franz Beckenbauer. Um Miroslav Klose zu beschreiben, werden immer häufiger die ganz Großen seines Metiers zum Vergleich herangezogen: Gerd Müller wegen seiner unübertroffenen Trefferquote, und – seiner Spielweise wegen – vor allem der junge Rudi Völler. Der frühere Nationalstürmer Völler war es auch, der Klose vor etwas mehr als einem Jahr erstmals in die Nationalmannschaft berufen hat. „Er ist ein Typ, der vieles, fast alles verkörpert, was einen Stürmer ausmacht“, sagt Völler. „Er ist schnell, er dribbelt links wie rechts, und er ist kopfballstark.“ So ähnlich haben die Leute vor 20 Jahren auch über Völler geredet.

Bundestrainer Michael Skibbe hat Klose ein paar Tage vor dem Spiel gegen Saudi-Arabien attestiert, er habe sich „insgesamt ganz erfreulich“ entwickelt. Derart nüchterne Aussagen über den neuen deutschen Stürmerstar sind mittlerweile fast schon die Ausnahme. „Ich bin jetzt 40 Jahre im Bundesligageschäft“, sagt zum Beispiel Jürgen Friedrich, der Vorstandsvorsitzende des 1. FC Kaiserslautern. „Ein Stürmer mit dem Talent von Miroslav ist mir in dieser ganzen Zeit nicht begegnet.“ Klose würde so etwas von sich selbst niemals behaupten. In der vergangenen Woche hat er gesagt, er wolle bei dieser Weltmeisterschaft zeigen, „dass ich da oben mithalten kann. Einige Leute glauben ja immer noch, dass ich zu jung und unerfahren bin.“ Sie werfen ihm vor, dass er seine Tore bisher nur gegen schwächere Gegner erzielt hat: gegen Albanien und Griechenland, gegen Israel, Österreich und jetzt Saudi-Arabien. „Bei Miro kommen viele Dinge zusammen“, sagt Rudi Völler, „Sicherlich hat er einen Lauf. Aber die Mannschaft spielt auch für ihn.“ Wahrscheinlich weil sie merkt, dass es sich auszahlt, für Klose zu spielen.

Sein Aufstieg ist in etwa so, als würde eine Schülerband urplötzlich einen Nummer-eins-Hit in den englischen Charts landen. Vor fünf Jahren spielte Klose noch bei der SG Blaubach-Diedelkopf, die durch ihn inzwischen zum bekanntesten unbekanntesten Verein der Republik aufgestiegen ist. In seiner Außendarstellung ist Klose immer ein bisschen der unbedarfte Bezirksligaspieler geblieben. Als Völler den jungen Stürmer im Februar des vorigen Jahres zum ersten Mal in seinen Kader berief, hatte der Teamchef fast das Gefühl, dass Klose „im Training nicht auffallen will". Auf dem Fußballplatz hat er dieses Verhalten längst abgelegt, aber seine öffentlichen Auftritte stehen immer noch in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zu seiner unbeschwerten Art auf dem Rasen.

Spät am Abend brachte DFB-Pressesprecher Stenger Miroslav Klose schließlich doch noch auf die improvisierte Bühne in der Mixed Zone des Sapporo-Domes. Vermutlich haben die ausländischen Journalisten, die Klose noch nicht kannten, einen selbstbewussten jungen Mann erwartet. Aber Klose, der Pfälzer, sagte wie immer wenig Aufregendes: „Natürlisch fühlt man sisch gut.“ Und: „Natürlisch muss isch misch auch bei der Mannschaft bedanken.“ Und ganz besonders liegt ihm eines am Herzen: „Isch darf jetzt nischt abheben.“ Natürlisch nischt.

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