Großer Preis von Monaco : Das Festival der Unvernunft

Am Sonntag ist die Formel 1 in Monaco. Die Strecke ist seit 80 Jahren fast dieselbe – darin steckt Faszination und Risiko.

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Ein Formel-1-Auto fährt in Monaco vor einem Gucci-Schaufenster vorbei.
Ein Formel-1-Auto fährt an einem Gucci-Schaufenster vorbeifährt - das ist der Große Preis von Monaco.Foto: afp

Hermann Tilke sitzt am Hafenkai und blickt hinüber zur Boxengasse. Er hat das alles schon zigmal gesehen, aber er muss auch diesmal wieder den Kopf schütteln. „Dieses Gewusel, überall diese engen, dünnen Überführungen, das reinste Chaos“, sagt der Streckenarchitekt. Tilke hat das Gesicht der modernen Formel 1 geschnitzt, fast alle Kurse hat der Aachener entworfen. Es sind großzügige Erlebniswelten mit weiten Auslaufzonen und komfortablen Tribünen in sicherer Entfernung, wie es die Sicherheitsbestimmungen des Weltverbands Fia vorsehen.

Aus professioneller Sicht müsste Tilke sich mit Grausen von dem Bild abwenden, das er gerade vor sich sieht. Aber Tilke ist auch Racer. Und wie bei den meisten anderen Rennfahrern setzt bei ihm die Vernunft aus, wenn er in Monaco ist. Tilke schaut zur vollgestopften Boxengasse und lächelt. „Eigentlich ist das Shit, aber es ist auch geil. Das macht eben die Atmosphäre hier aus.“

Die Rennstrecke in Monaco ist der Grund, weswegen sie alle einmal Rennfahrer geworden sind. Der Grand Prix im Fürstentum ist so etwas wie das jährliche Treffen mit den Ahnen des Motorsports. Hinter der berühmten Rascasse- Kurve steht ein lebensgroßes Denkmal des fünfmaligen Weltmeisters Juan Manuel Fangio samt Wagen, und nirgendwo wäre der Held der Fünfziger besser platziert als hier. Denn viel geändert hat sich in Monaco seit Fangios Tagen nicht.

Genau genommen sieht die Strecke im Wesentlichen so aus wie schon beim allerersten Rennen vor mehr als 80 Jahren. Statt Strohballen gibt es Leitplanken, das Kurvengeschlängel am Hafen kam irgendwann hinzu, die Hafenschikane wurde umgebaut, der neue Tunnel ist noch länger, die Straßenbahnschienen und das Kopfsteinpflaster sind nicht mehr da, sonst ist irgendwie noch alles wie 1929. Mag der Rennsport andernorts in eine Sinnkrise gerutscht sein, hier ist er immer noch laut, schmutzig und gefährlich. Wahrscheinlich ist Monaco auch deshalb immer noch der Höhepunkt des Formel-1-Jahres.

Großer Preis von Monaco: Appartements entlang der Strecke werden für mindestens vierstellige Beträge vermietet

Auf den 3,3 Kilometern konservierter Rennsportsteinzeit darf sich auch die Generation Smartphone fühlen wie die Hasardeure der Vergangenheit. „Die aufregendste Stelle hier ist die Links-rechts-Passage oben am Casino“, sagt der dreimalige Weltmeister Sebastian Vettel. „Man kommt im siebten Gang über die Kuppe und sieht im ersten Moment gar nichts. Da muss man sich jedes Mal wieder überwinden.“ Die Steilpassage den Berg hinauf führt direkt unter den Balkonen der Appartements entlang, die am Wochenende für mindestens vierstellige Beträge an Grand- Prix-Touristen vermietet werden. Nirgendwo fahren die Ungetüme so dicht an den Zuschauern vorbei. Manchmal trennen nur ein, zwei Meter und ein bisschen Maschendraht Mensch und Maschine. Schwer zu sagen, wer sich dabei mehr in Gefahr begibt. Am Samstag konnte man vom Balkon aus nächster Nähe verfolgen, wie Adrian Sutil auf der Kuppe die Kontrolle über seinen Wagen verlor und in die Leitplanken knallte. Kurz zuvor hatte der Force-India-Pilot noch Folgendes gesagt: „Manche haben Angst vor der Wand und fahren mit ein paar Zentimetern mehr Abstand vorbei. Aber nur wer die Mauer streift, ist richtig schnell.“

Wort Angst darf man als Fahrer eigentlich nicht aussprechen. Es ist der psychologische Selbstzerstörungsknopf. Beinahe pikiert reagierten die Piloten deshalb auf die Aussagen des früheren Grand-Prix-Fahrers Ralf Schumacher, der Monaco für nicht mehr zeitgemäß hält. Die Fahrer würden das Spiel mitmachen, sagt Schumacher, aber natürlich hätten sie Sicherheitsbedenken. Er selbst habe die Strecke jedenfalls nie geliebt: „Ich hätte gut und gerne darauf verzichten können.“ Vielleicht rührt seine Abneigung von dem traumatischen Erlebnis aus dem Jahr 2000, als er sich in der engen ersten Kurve das Bein aufschlitzte. An exakt derselben Stelle hatte der Ferrari-Pilot Felipe Massa am Samstagmorgen einen heftigen Unfall. Der Brasilianer stieg aus, blickte finster auf das Wrack und lief wortlos zurück in die Boxengasse.

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