Großer Preis von Ungarn : Formel 1: Jaime, der Fahrschüler

Der 19-jährige Spanier Alguersuari wird beim Großen Preis von Ungarn ohne Erfahrung zum Formel-1-Piloten – die Kollegen wundern sich darüber.

Christian Hönicke[Budapest]

Der junge Mann saß im Fahrerlager des Hungarorings wie vor einem Tribunal. Die Kameras und Mikrofone waren anklagend auf ihn gerichtet, und zunächst wurde er nach seinem Namen und der korrekten Aussprache gefragt. „Chai-mä Al-geh-schwah-rie“, antwortete Jaime Alguersuari ruhig. „Ich weiß, er ist ein bisschen schwierig.“ Dann ging das Kreuzverhör los und der Kernvorwurf lautete: Warum darf ein Teenager ohne Formel-1-Erfahrung an diesem Wochenende am Grand Prix von Ungarn teilnehmen? Ist das nicht unglaublich gefährlich?

Jaime Alguersuaris Anwesenheit auf dem Hungaroring bei Budapest hat einige Aufregung provoziert. Der Spanier ersetzt im Toro-Rosso-Rennstall den gefeuerten Franzosen Sébastien Bourdais. Mit 19 Jahren und 126 Tagen wird er am Sonntag der jüngste Pilot sein, der je an einem Großen Preis teilgenommen hat. Die Tatsache jedoch, dass er zuvor keine einzige Runde in einem Formel-1-Auto absolviert hatte, rief bei einigen Kollegen Unverständnis und Sorge hervor. Bei Mark Webber etwa, obwohl er wie Alguersuari von Red Bull bezahlt wird.

„Ich denke, die Formel 1 sollte keine Fahrschule sein“, sagte der 32 Jahre alte Sieger des Rennens vom Nürburgring. „Wenn man hier ankommt, sollte man bereit sein. Ich wäre in dem Alter vermutlich noch nicht bereit dafür gewesen.“ Auch der WM-Führende Jenson Button hält das Unterfangen für gewagt. „Wenn es klappt, fantastisch, aber es steht auf des Messers Schneide“, sagte der Brawn-Pilot. „In seinem Alter könnte das seine Karriere zerstören.“ Ferrari-Fahrer Felipe Massa pflichtete ihm bei: „Es ist nicht gut für ihn, er könnte ganz schnell verheizt werden. Ich bin überrascht, dass ein Team so jemanden ins Auto setzt.“

Franz Tost dagegen verteidigte vehement die Entscheidung, den Spanier aus der firmeneigenen Nachwuchsakademie auf Bourdais’ Platz zu setzen. „Er ist der beste unserer Nachwuchspiloten. Ihr werdet schon sehen, er wird einen guten Job in der Formel 1 machen!“, sagte der Teamchef von Toro Rosso. Red-Bull-Magnat Dietrich Mateschitz habe sich das zweite Team zugelegt, um Talenten Erfahrung zu verschaffen. Und nur weil ein Fahrer jung sei, sei er nicht unerfahren. „Die meisten fangen heutzutage mit fünf Jahren im Kart an und haben früh eine Menge Rennerfahrung.“ David Coulthard schloss sich dieser Sicht an. „Wenn du gut genug bist, bist du auch alt genug“, sagte der Rennrentner, der seine Karriere eigentlich beendet hatte und nun noch einmal den Mentor und Ersatzfahrer für Alguersuari spielt. Mit den seit dieser Saison aus Kostengründen geltenden Einschränkungen für Testfahrten ist das Sammeln von Erfahrung außerhalb der Rennwochenenden für Nachwuchsfahrer auch nicht einfacher geworden.

Deshalb musste sich Alguersuari quasi virtuell auf sein Formel-1-Debüt vorbereiten. Er durfte seit 2008 an den Teamsitzungen teilnehmen, und „da habe ich mich schon in die Piloten reingefühlt. Ich bin im Geiste bereits mitgefahren.“ Ganz real hat er immerhin ein paar der erlaubten Kurzsprints mit Vollgas auf einer Geraden absolviert und soll außerdem heimlich ein paar Boxenstopps in der Fabrik in England geübt haben.

Teamchef Franz Tost sieht seinen jungen Fahrer sogar im Vorteil. Er spricht vom „Commitment“, der Hingabe: „Junge Fahrer sind offen, lernwillig, sie hören zu und sind kampflustig.“ Der 30 Jahre alte Bourdais dagegen habe diese Erwartungen nicht erfüllt. So bilden Alguersuari und der 20-jährige Schweizer Sébastien Buemi – ebenfalls in seiner ersten Grand-Prix-Saison – nun bei Toro Rosso eine Art Laufstall der Formel 1. Alguersuaris begegnete dem ganzen Rummel dennoch mit der Abgeklärtheit eines Alten. „Ich weiß, dass ich keine wirkliche Erfahrung habe“, räumte der Angeklagte freimütig ein. „Aber im Endeffekt ist es nur ein weiteres Auto, es hat auch nur ein Lenkrad und zwei Pedale wie alle anderen. Ich glaube, das alles lässt sich schnell lernen.“

Die ersten Beweise dafür legte Jaime Alguersuari am Freitag vor. Im Freien Training würgte er seinen Wagen zwar einmal in der Boxengasse ab und wurde Letzter, jedoch mit nur knapp zwei Sekunden Rückstand auf die beiden trainingsschnellsten McLaren-Piloten Heikki Kovalainen und Lewis Hamilton. Dabei kam er in 82 Runden deutlich seltener von der rutschigen Strecke ab als viele seiner erfahrenen Kollegen. „Ich hatte mit noch viel mehr Rückstand gerechnet, ich war ja in den schnellen Kurven eher vorsichtig, um nicht in die Leitplanken zu fliegen“, sagte Alguersuari. „Ich bin stolz und glücklich, es war besser als erwartet.“ In der Tat: Es hat schon verheerendere erste Fahrstunden gegeben.

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