Sport : Großes Kino

Rekordweltmeister Michael Schumacher und sein dramatisches Rennen zum Triumph

Karin Sturm

Suzuka. Bei der Zieldurchfahrt reckte der Triumphator jubelnd die Faust in den Himmel, dann stieg er aus seinem Auto, umarmte seinen Teamkollegen, sein Rennleiter sprang ihm in die Arme, und am Schluss durfte sich der Hauptdarsteller auch von seiner Ehefrau drücken und küssen lassen.

So sieht großes Kino aus. Michael Schumacher war soeben, beim Großen Preis von Japan in Suzuka, Weltmeister in der Formel 1 geworden, und das zum sechsten Mal. Das hat vor ihm noch niemand geschafft.

Als sein WM-Titel feststand, spürte Schumacher neben der Freude auch ein Gefühl, das er inzwischen gut kennen gelernt hat: Erleichterung. Erleichterung darüber, dass es am Ende noch gereicht hatte – in einem Rennen, das in gewisser Weise ein Symbol der ganzen Saison darstellte: spannend bis zur letzten Sekunde und ein bisschen chaotisch. Mit Glück, Geschick und Routine sicherte sich Schumacher am Sonntag seinen historischen Erfolg. „Ich kann meine Gefühle gar nicht richtig beschreiben“, sagte Schumacher nach seinem achten Platz im letzten Saisonrennen, der ihm den zum Triumph noch nötigen einen WM-Punkt einbrachte. Knapper Kommentar des Helden: „Ich fühle mich im Moment einfach erschöpft und leer.“

Kein Wunder, es war eines der härtesten Rennen seiner Karriere. „Irgendwie war das schon ein ziemliches Chaos“, sagte Schumacher – und die Beobachter eines der spannendsten WM-Finals der vergangenen Jahre empfanden diese Beschreibung noch als Untertreibung. Schumacher ging nur vom 14. Startplatz ins Rennen, weil er sich beim Qualifying vom Regen überraschen lassen hatte, und dennoch hatte er nach eigener Aussage „nicht gedacht, dass es so problematisch werden würde“.

Dann misslang ihm ein etwas gewagtes Überholmanöver, Schumacher fuhr sich am BAR-Wagen von Takuma Sato die Nase seines Ferrari ab, musste zur Box, sich eine neue Nase holen und fiel auf den letzten Platz zurück. Von da aus schlug er sich wieder durch bis nach vorn, denn dort kämpfte Schumachers letzter Titelkonkurrent Kimi Räikkönen um seine Chance, hinter Schumachers Teamkollegen Rubens Barrichello lag er auf Platz zwei. Schumacher wusste: „Sollte Rubens noch ausfallen, muss ich wenigstens Achter werden.“ Und so gab der Weltmeister alles, Runde um Runde, auf einer Strecke, auf der das Überholen schwierig ist. „Ja, ich musste hart kämpfen.“

Es gab noch einen dramatischen Moment, als sich Schumacher bei einer Attacke hinter dem Toyota-Piloten Cristiano da Matta verbremste, auszuweichen versuchte und ihm dabei sein knapp hinter ihm liegender Bruder Ralf ins Heck fuhr. Beide landeten in der Wiese, Ralf musste an die Box, Michael konnte weiterfahren. „Danach hatte ich einen so gewaltigen Bremsplatten, dass es sich im Auto angefühlt hat, als würde ich über Kopfsteinpflaster fahren.“

Am Ende reichte es zum filmreifen Ende. Ab der 40. von 53 Runden lag Schumacher auf dem alles entscheidenden achten Platz. Und da auch Barrichello als Sieger vor Räikkönen ins Ziel kam, war der Titel doppelt abgesichert.

Die Fans mussten lange ausharren, ehe sie den alten, neuen Weltmeister zu sehen bekamen. Auf das Siegerpodest durfte er als Achter nicht, trotz seiner historischen Fahrt. Erst drei Stunden nach seiner Zieldurchfahrt winkte er den Fans zu – nach dem offiziellen Ferrari-Teamfoto. Schumacher sprang voran, hinter ihm sprangen Ingenieure, Mechaniker und Helfer über die Boxenmauer und liefen vor der noch vollen Haupttribüne die Zielgerade auf und ab. Die Blitzlichter flackerten um den Pulk herum, inmitten der inzwischen hereingebrochenen Nacht.

Zuvor hatte es in der Ferrari-Box wilde Szenen gegeben: Schumacher fuhr auf seinem kleinen Elektro-Roller in die Garage, verfolgt von den alles über den Haufen rennenden Fotografen, in der Box dann die Mechaniker, die ihn in die Luft warfen und alle anderen mit Champagner übergossen. Als nach und nach die Boxeneinrichtung zu Bruch ging, wurden Rollbalken heruntergelassen.

So große Emotionen waren dann doch nicht für die großen Augen der Öffentlichkeit bestimmt.

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