Großmeister Artur Jussupow über die WM : "Schach ist auch Glückssache"

Der Großmeister Artur Jussupow spricht über das Niveau der Schach-WM zwischen Magnus Carlsen und Viswanathan Anand, die Bedeutung von Selbstvertrauen in seinem Sport – und die Schwierigkeit, auf einem Minenfeld zu tanzen.

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Denken ohne Pause. Magnus Carlsen (links) und Viswanathan Anand bei der Schach-Wm in Sotschi.
Denken ohne Pause. Magnus Carlsen (links) und Viswanathan Anand bei der Schach-Wm in Sotschi.Foto: imago/ITAR-TASS

Herr Jussupow, können wir Sie kurz sprechen?

Ja, ja, jetzt bin ich gerade fertig mit meinem Schüler.

Was unterrichten Sie denn?

Ich gebe weltweit Schach-Fernunterricht über das Internet. Mein entferntester Schüler sitzt in Chicago. Das ist der Vorteil der modernen Kommunikationsmittel. Man redet über Skype und benutzt eine Schachplattform, um parallel Züge zu machen.

Sie haben 1995 dem Inder Viswanathan Anand bei der Schach-WM gegen Gary Kasparow assistiert. Verfolgen Sie auch seine Spiele bei der aktuellen Schach-WM in Sotschi?

Natürlich, ich gucke im Internet parallel auf zwei Kanälen. Wenn man Zeit hat, denkt man selber mit, aber es gibt auch gute Kommentatoren. Ich sehe die Züge auf einer russischen Seite und höre die WM-Turnierseite, wo der russische Großmeister Peter Svidler kommentiert, den ich sehr schätze.

Vor der sechsten Partie am Sonnabend (ab 12.00 Uhr) steht es zwischen Weltmeister Magnus Carlsen und Viswanathan Anand 2,5:2,5. Wie ist das bisherige Niveau?

Es ist interessant, die dritte Partie war schon sehr gut. Aber es war noch keine grandiose dabei. Ich hoffe, dass es weiter knapp bleibt und dann irgendeine große Begegnung passiert. Ich hatte gehofft, dass sich Anand in besserer Verfassung präsentiert als beim WM-Kampf 2013 in Indien. Das ist auch eingetreten.

In Indien hatte Anand deutlich 3,5:6,5 gegen Carlsen verloren.

Dort hatte er den Druck, als Weltmeister seinen Titel verteidigen zu müssen. Das ist immer schwer. Und zu Hause zu spielen, erzeugt auch Druck. Anand ist in Indien ein Volksheld und musste den Medien viele Interviews geben, das nimmt Konzentration weg. Aber was viel wichtiger war: Er war nach einer Reihe von schlechten Ergebnissen in einer Schachkrise. Diese Situation hat sich jetzt geändert. Er hat das WM-Qualifikationsturnier gewonnen und ein Turnier in Bilbao. Da kommt er mit einer breiteren Brust zum WM-Zweikampf gegen Carlsen.

Warum ist Selbstvertrauen so wichtig?

Auf diesem Niveau entscheiden Kleinigkeiten, die eine oder andere Entscheidung, die man trifft. Wenn man nicht genügend Selbstvertrauen hat, glaubt man den eigenen Ideen nicht oder schätzt eine Stellung zu pessimistisch ein. Jetzt ist der Zweikampf ausgeglichener.

Artur Jussupow, 54, ist ein deutsch-russischer Schach-Großmeister. Der Schachtrainer arbeitete 1995 als Sekundant für Visnathan Anand im WM-Kampf gegen Garry Kasparow.
Artur Jussupow, 54, ist ein deutsch-russischer Schach-Großmeister. Der Schachtrainer arbeitete 1995 als Sekundant für Visnathan...Foto: promo

Wie groß ist der Druck auf den 23 Jahre alten Norweger Magnus Carlsen?

Natürlich ist er unglaublich stark und voller Selbstvertrauen. Aber er hat jetzt auch ein paar Turniere nicht so gut gespielt. Und die Niederlage in der dritten WM-Partie ist auch ein kleiner Schlag für ihn. Carlsen hat großes Schachpotenzial, aber man muss ihn auch zwingen, an die Grenze zu gehen. Ich hoffe, dass Anand das schafft, dann haben wir ein großes Match.

Wie kann das gelingen?

Anand hat schon gezeigt dass er eine Waffe hat, um Carlsen zu schlagen: eine sehr starke Eröffnungsvorbereitung. Das ist wie im Tennis ein starker Aufschlag. Dadurch hat er in der dritten Partie eine gute Gelegenheit zum Sieg bekommen, die er nur nutzen musste. Das hat er sehr gut gemacht.

Warum konnte Carlsen den Aufschlag nicht parieren?

Es ist einfach schwer, auf so einem Minenfeld zu tanzen, ohne dass eine Mine explodiert. Irgendwann passiert das, und dann verliert man. Das ist nicht dramatisch. Carlsens Sieg in der zweiten Partie hat allerdings gezeigt, dass auch er die Waffen hat, um Anand zu schlagen. Da hat er fast aus dem Nichts Druck erzeugt, dem Anand nicht standhalten konnte.

Welche Rolle spielt der Austragungsort Sotschi? Carlsen hat den Vertrag erst im letzten Moment unterschrieben, man hat den Eindruck, er sei widerwillig dort.

Carlsen hat keine besondere Begeisterung gezeigt. Es ist zwar kein Vorteil, wenn man sich nicht freut, aber es spielt keine große Rolle. Beide sind so erfahren, dass sie so etwas ausblenden können. Da ist es egal, ob sie in Sotschi oder am Nordpol spielen.

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