Sport : Großmutters Wille geschehe

Hollands Eisschnelllauf-Star Greta Smit startete jahrelang nicht an Sonntagen – die Oma hatte es verboten

Frank Bachner

Berlin - Inzwischen leiden sie nur noch still vor sich hin, die ältere Dame und ihr ebenfalls betagter Gatte. Was sollen sie auch machen, die Enkeltochter ist ihnen entglitten. Greta Smit ist jetzt 28 Jahre alt, sie lässt sich nichts mehr sagen. Opa und Oma Smit bedauern das außerordentlich. Natürlich könnten sie sich stattdessen über die sportlichen Erfolge der Enkeltochter freuen, so wie das unzählige holländische Eisschnelllauf-Fans machen. Olympiazweite 2002 über 5000 m, Vize-Weltmeisterin 2004 über 5000 m, WM-Dritte 2003 über 3000 und 5000 m, Greta Smit hat einiges zu bieten. Aber nicht wirklich für ihre Großeltern aus Rouveen-Staphorst in der holländischen Provinz Overijssel. Denn Greta Smit läuft nun auch am Sonntag. Für die tiefreligiösen Großeltern, vor allem aber für die Großmutter, ist das zu viel. Eine Sünde.

Als Greta Smit 24 Jahre alt war, lief sie nicht an Sonntagen. Ihre Großmutter hatte es ihr verboten. „Respektiere den Tag des Herrn“, hatte sie gesagt. Also respektierte Greta Smit den Sonntag. Das hatte nichts mit Religion zu tun, die Kirche ist Greta Smit sogar ziemlich egal, aber sie hört halt auf die Oma. „In dieser Provinz ist das eben so“, sagt Ingrid Paul, Smits Trainerin. Smits Eltern hielten sich raus, und ihre Tochter kurvte nur bei Marathons übers Eis der zugefrorenen Kanäle. Marathons finden in Holland nur samstags statt. Aber Wettkämpfe auf einer Rundbahn kannte Greta Smit nicht.

Leider, sagt Ingrid Paul, denn so verlor der holländische Eisschnelllauf-Verband eine gute Kurz- und Mittelstreckenläuferin. „Sie hat viel mehr Talent für die 1500 m als für die Langstrecken“, sagt die Trainerin. „Aber sie ist zu spät eingestiegen. Jetzt fehlt ihr für kürzere Strecken die Technik. Deshalb läuft sie nur 3000 und 5000 Meter.“ Und sie würde wahrscheinlich heute noch ausschließlich Marathon laufen, wäre da 2001 nicht dieser holländische Reporter gewesen. Der sah sie bei einem Marathon, erkannte ihr Potenzial und rief Ab Krook an, den holländischen Cheftrainer. Der solle sich doch mal diese junge Frau anschauen. Smit absolvierte unter Krooks Augen drei Testrennen auf der Bahn – noch nicht sonntags –, registrierte erstaunt ihre ausgezeichneten Zeiten, und schon durfte sie bei der holländischen Meisterschaft starten. Die war zugleich Olympia-Qualifikation.

In diesem Augenblick begann die Leidensgeschichte von Oma und Opa Smit. Denn die Enkelin sah ihre Chance. Salt Lake City, Olympische Winterspiele 2002, das war plötzlich möglich. Und in diesem Moment sagte sie zu ihren Großeltern: „Ab jetzt laufe ich auch sonntags.“ Die Großeltern waren entsetzt, sie protestierten, sie flehten, sie schimpften. Alles vergeblich. Greta Smit lief am Sonntag, qualifizierte sich für die Spiele in Salt Lake City und gewann dort gleich Silber über 5000 m. Die holländischen Fans jubelten, die Großeltern nahmen es zur Kenntnis.

Aber Greta Smit ist seither ein Star in Holland. Ein Profi, eingegliedert in das kleine Team Telfort. Sie trainiert in Herenveen, oft auch in Calgary. „Das Verhältnis zu den Großeltern ist okay“, sagt Ingrid Paul, die Trainerin. Und wie reagieren Oma und Opa Smit an Sonntagen? Da legt Ingrid Paul ihren Kopf auf die verschränkten Arme, blickt nach unten und sagt: „Sie schauen weg.“

Die Enkeltochter will 2006 in Turin Olympiasiegerin werden, aber das tröstet ihre Großeltern nicht besonders. Und schon gar nicht tröstet sie es, dass Greta Smit in den nächsten Wochen bestimmt nicht an Sonntagen Wettkämpfe bestreitet. Die 28-Jährige verzichtet ja nicht, weil sie plötzlich den Glauben entdeckt hat. Greta Smit kann nicht starten. Sie ist verletzt. Bei einem schweren Sturz im Trainingslager in Südtirol erlitt sie Anfang Dezember eine Gehirnerschütterung.

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