Sport : Gründlicher Schnellschuss

Nach anfänglichen Pannen ist der DFB bemüht, seinen Willen zur Aufklärung des Skandals zu demonstrieren

Christian Hönicke[Mathias Klappenbach],Ka

Berlin - Manchmal hört man den Staatsdiener bei Theo Zwanziger noch heraus. „Gründlichkeit und Korrektheit sind wichtiger als Hektik und Schnellschüsse“, sagt der frühere Verwaltungsrichter und heutige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Gestern räumte der DFB ein, dass er dieser Maxime in den Tagen nicht immer gefolgt sei. Es sei möglicherweise falsch gewesen, zu Beginn des Manipulationsskandals um den Schiedsrichter Robert Hoyzer von einem Einzelfall zu sprechen, sagte DFB-Pressesprecher Harald Stenger: „Da hätte man sich vielleicht nicht so festlegen dürfen.“

Eine genauere Festlegung der Definition der Begriffe „hohe Wetteinsätze“ und „etwas merkwürdiger Spielverlauf“ hätte hingegen wohl nicht geschadet. Diese Formulierungen waren in der Mitteilung zu finden, mit der der staatliche Wettanbieter Oddset den DFB am 23. August auf die Vorgänge beim Pokalspiel SC Paderborn gegen Hamburger SV aufmerksam machen wollte. Laut Gerhard Mayer-Vorfelder, zu diesem Zeitpunkt noch alleiniger Präsident des DFB, waren sie nicht explizit genug, um von einer Warnung ausgehen zu können.

Mayer-Vorfelder wählte in der ARD-Sendung „Sabine Christiansen“ aber eine nicht weniger schwammige Formulierung für seine Rechtfertigung, so dass der Eindruck entstand, er leugne die Existenz des Oddset-Briefs. Das führte dazu, dass der DFB inzwischen sogar rechtliche Schritte gegen Medien prüft, die diesen Vorwurf verbreiten. Zwanziger bestätigte aber: „Mayer-Vorfelder hat damals von diesem Brief nichts gewusst.“ Auf jeden Fall wussten der DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt, der Vorsitzende des DFB-Kontrollausschusses, Horst Hilpert, und der DFB-Justiziar Götz Eilers davon. Sie hielten es jedoch offenbar nicht für nötig, ihren Präsidenten zu informieren. Inzwischen leitet Eilers die Sonderkommission „Wett- und Spielmanipulationen“, die der DFB ins Leben rief, um den Fall Hoyzer aufzuklären.

Die Verbandsspitze erfuhr nach eigenen Angaben erst am 19. Januar durch einen Tipp der Schiedsrichter Felix Zwayer, Lutz-Michael Fröhlich, Manuel Gräfe und Olaf Blumenstein vom Manipulationsverdacht gegen Hoyzer. Einen Notfallplan gab es laut Pressesprecher Stenger nicht: „Als es zur bitteren Gewissheit wurde, war unsere erste Entscheidung: Wir müssen sofort an die Öffentlichkeit, damit man uns nicht Vertuschung vorwerfen kann.“ Tatsächlich versucht der Verband seitdem, Transparenz und den Willen zur schnellen Aufklärung zu demonstrieren. „Alles andere kann von uns nicht geleistet werden, das ist Aufgabe der Staatsanwaltschaft“, sagt Stenger. Schon während der ersten Pressekonferenz am 22. Januar erklärte Präsident Zwanziger die Angelegenheit zur Chefsache: „Ich stelle mich der Aufgabe.“ Amtskollege Mayer-Vorfelder hält sich eher im Hintergrund – den Auftritt bei „Christiansen“ ausgenommen. Inzwischen sieht er sich sogar mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. „An eine derart unbegründete Rücktrittsforderung kann ich mich nicht entsinnen“, sagte der 71-Jährige den „Stuttgarter Nachrichten“, „die Kritik weckt nur meinen Kampfgeist.“

Zwanziger hat seine Ankündigung wahr gemacht, alles zu tun, um die Affäre lückenlos aufzuklären. „Das Geständnis von Hoyzer ist eine Bestätigung der Arbeit des DFB und ein Erfolg unserer Strategie“, sagt er. Um nicht den Eindruck zu erwecken, Informationen zurückzuhalten, gibt der 59-Jährige bereitwillig Auskunft. Wie etwa bei der von Mediendirektor Gerhard Meier-Röhn verfassten und von Zwanziger verlesenen Mitteilung, mit der der DFB die Spiele öffentlich machte, die manipuliert sein sollen. Zwanziger erwähnte darin auch das Zweitligaspiel Essen gegen Köln, das Hoyzer zu beeinflussen versucht hätte, obwohl er gar nicht auf dem Platz gestanden hatte. Damit hatte er ungewollt einen Informanten preisgegeben: Den Berliner Felix Zwayer, der bei diesem Spiel Schiedsrichterassistent war. Als der DFB die Unachtsamkeit bemerkte, reagierte er immerhin umsichtig und zog Zwayer sowie die anderen Tippgeber vorsorglich von Spielen zurück, die sie ursprünglich hatten leiten sollen. Ebenso reagierte der DFB, als Jürgen Jansen unter Verdacht geraten war. Dieser greift jetzt seinen Verband an. „Ich fühle mich als Schiedsrichter vom DFB absolut allein gelassen“, sagte Jansen der „Passauer Neuen Presse“. „Beim DFB zieht man sich zurück in ein Mauseloch und sieht zu, wie jemand geschlachtet wird.“

Gestern, nach den ersten Verhören und Durchsuchungen, hat der DFB erstmals die Unterlagen von der Staatsanwaltschaft erhalten, „die wir zur Sicherung des Spielbetriebs benötigen“, sagt Stenger. Diese dürften vor allem Namen von beschuldigten Spielern und Schiedsrichtern enthalten. Nun kann sich Zwanziger davon überzeugen, ob seine Einschätzung zutrifft, die er vor zwei Tagen traf: „Es mag merkwürdig klingen, aber ich halte Hoyzer momentan für den am seriösesten erscheinenden Informanten.“

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