Sport : Grüße aus Übersee

Schwimmerinnen Steven und Poleska sind in Athen – und leben in den USA

Frank Bachner

Berlin. Denise aus Reinickendorf, zehn Jahre alt, hatte einen großen Wunsch. Ihre Freundin Janine hatte sich bereits mit Birte Steven ablichten lassen, jetzt wollte sie unbedingt selber mit der Schwimmerin fotografiert werden. „Klar doch“, sagte Steven. Sie hätte in diesem Moment viele Wünsche erfüllt. Schließlich war sie eine Stunde zuvor Deutsche Meisterin über 200 m Brust geworden. „Das macht mich unheimlich glücklich.“ Sie ist bei den Olympischen Spielen, das ist entscheidend. Anne Poleska hätte gestern auch viele Wünsche erfüllt. Sie wurde Zweite in der Halle an der Landsberger Allee, auch sie ist in Athen. Aber nach 150 m im Wasser hatte „sie sich schon ein Urlaubsziel überlegt“. Olympia schien für sie abgehakt, sie war nur Vierte. Und nach dem Anschlag, nach 200 m, „traute ich mich nicht, auf die Anzeigetafel zu blicken“. Dort stand, dass sie mit 2:27,15 Minuten gerade mal zwei Hundertstelsekunden vor Sarah Poewe (Wuppertal) lag und 13 Hundertstelsekunden hinter Steven. Die Zeiten sind international gesehen ziemlich schlecht, aber hier ging’s nur um die Athen-Tickets. Poewe war die große Verliererin im spannendsten Rennen gestern bei den deutschen Schwimm-Meisterschaften.

Steven und Poleska in Athen über 200 m Brust, das ist, wenn man so will, ein Erfolg des Trainingssystems USA. Anne Poleska aus Krefeld studiert seit 2001 in Alabama, Birte Steven aus Hannover lebt seit 2000 in Oregon. Vor vier Jahren war Steven noch eine Frau, die über den Status Talent nie hinauskam. „Jetzt ist sie ein Juwel“, sagt Chef-Bundestrainer Ralf Beckmann. Dazwischen lagen vier Jahre Psychologie-Studium in Corvallis, vor allem „vier Jahre quasi dauerhaftes Trainingslager“ (Steven). Sie durchlitt Schmerzen, die sie nicht kannte, aber im Dezember besiegte die 24-Jährige bei den US Open die US-Elite über 200 m Brust. Im Februar verbesserte sie auch noch den deutschen Rekord auf 2:25,95 Minuten. Beckmann traut ihr eine Olympiamedaillezu. Im Herbst beginnt sie eine neues Studium. In Tübingen.

Zwei Hundertstelsekunden Vorsprung bewahrten Anne Poleska vor einem bitteren Sturz. Denn sie hatte „in dieser Saison alles auf eine Karte gesetzt“, finanziell und sportlich. Im September 2003 unterbrach die 24-Jährige ihr Management-Studium. Sie wechselte nach Corrral Springs, Florida. Michael Lohberg, der Startrainer, hat dort eine private Schwimm-Schule. Lohberg war schon bei fünf Olympischen Spielen, für Poleska „ist er ein Genie“. Ihre ganzen Ersparnisse hat die WM-Vierte von 2003 in das Projekt Florida gesteckt. Lohberg soll sie für Olympia fit machen. Er „sieht sofort, was mit mir ist“, sagt Poleska. Vor allem aber hat sie „wahnsinnig viel Spaß bei ihm“.

Erheblich mehr jedenfalls als in Tuscaloosa, wo sie mit einem Stipendium studiert und normalerweise auch trainiert. Zu engstirnig die Leute, zu patriotisch, sagt sie. Sie würde gerne die Uni wechseln. Geht aber nicht. Der Chef-Schwimmcoach ihrer Uni ist dagegen. Also geht sie zurück. In einem Jahr hat sie ihr Studium abgeschlossen. Irgendwie wird sie diese Zeit auch noch überstehen. „Aber wie viel Spaß der Coach an mir hat, wird sich noch zeigen.“

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