Sport : Grundrecht aufs Finale

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Zwei im Glück. Marko Marin (rechts) und Claudio Pizarro erzielten gegen Zweitligist Augsburg für Werder die Tore. Foto: ddp
Zwei im Glück. Marko Marin (rechts) und Claudio Pizarro erzielten gegen Zweitligist Augsburg für Werder die Tore. Foto: ddpFoto: ddp

Zwischen Kabinengang und Spielfeld liegen elf Stufen. Im Spielertunnel des Weserstadions haben Heim- und Gästemannschaft jedes Mal eine kurze Treppe zu bewältigen, wenn sie aus den Umkleiden kommen oder dorthin wollen. Auf jeder dieser Stufen ist ein Titelgewinn von Werder Bremen verewigt – und so ist auf sechsen, darunter der ersten und der letzten, ein DFB-Pokal abgebildet; dazu steht in grünen Buchstaben das Jahr geschrieben, in dem der Klub den mit Turmalinen und Nephriten besetzten Goldpokal in seinen Besitz brachte. 1961, 1991, 1994, 1999, 2004 und 2009.

Für Klaus Allofs, im elften Jahr der Boss des großen grün-weißen Ganzen, sind solche baulichen Kleinigkeiten wichtig, um den Profis der Neuzeit die Sinne für das Wesentliche beim SV Werder zu schärfen. Und der DFB-Pokal gehört fraglos dazu. Nach einem 2:0 gegen den Zweitligisten FC Augsburg spielen die Hanseaten das neunte Mal seit 1989 in der Hauptstadt zum Finale vor. „Wir könnten 25-mal da hinkommen – es wird immer etwas Besonderes bleiben“, sagt Allofs in seiner Eigenschaft als Pokaljäger. Damit niemand beim Zählen durcheinander kommt, sind an die Spieler gleich nach Schlusspfiff sogar T-Shirts verteilt worden, auf denen vorne „Pokalfieber“ stand und hinten zehn goldene Strichchen gemalt waren – für die insgesamt zehnte Finalteilnahme. Nur der FC Bayern und Schalke haben mehr. Werder besitzt mittlerweile anscheinend so etwas wie ein Grundrecht auf den Finaleinzug. Wenn in München vom Bayern-Gen fabuliert wird, darf in Bremen vom Pokal-Erbe schwadroniert werden. „Es kann schon sein, dass so eine Eigenschaft über die Spieler-Generationen weitergegeben wird“, sagt Allofs, „sie sehen ja an der Treppe, wofür dieser Verein steht und lebt.“

In jüngerer Vergangenheit für kapriziösen Offensivfußball, kreative Geister und konstanten Pokalerfolg. Dass mit dem FC Augsburg ein tapferer Erstliga-Anwärter gegen die Bremern im Grunde chancenlos war, lag auch am dribbelnden und tricksenden Marko Marin, der einen immensen Entwicklungssprung vollzogen hat. Der 21 Jahre alte Mittelfeldspieler, in Frankfurt in der Jugend verkannt, in Mönchengladbach bei den Profis viel zu oft auf die Bank verbannt, war nicht umsonst mit dem 1:0 der Wegweiser fürs Weiterkommen. „Das ist kein Formhoch, das ist die Normalität“, sagt Allofs zu Marins Auftritt. Und Cheftrainer Thomas Schaaf empfahl dem Bundestrainer Joachim Löw, Marin bitte doch für das weltmeisterliche Südafrika-Projekt nicht zu missachten. „Es wäre fatal, wenn man seine Qualität dort nicht nutzen würde“, sagte Schaaf. Und berichtete ansonsten noch davon, am Limit zu sein, was die Belastung angeht. Trotzdem habe man auch in der Bundesliga noch etwas vor.

Was konkret? „Wir schielen auf Platz drei“, verriet der für das 2:0 gegen Augsburg verantwortliche Torjäger Claudio Pizarro, „das wird schwer, ist aber noch möglich.“ Selbst Abwehrchef Per Mertesacker, bekannt als Vernunftmensch, artikulierte Ambitionen, vielleicht noch die enteilten Liga-Rivalen aus Leverkusen und Schalke abzufangen, die sich ja praktischerweise am Samstagabend gegenseitig die Punkte streitig machen: „Warum sollen wir nicht da hinschauen? Alles ganz entspannt.“ Entspannt deshalb, weil die Bremer Europa-League-Teilnahme ja bereits mit dem Finaleinzug abgesichert ist – und damit das Minimalziel vor Saisonstart.

Bliebe noch die Frage zu klären, was passieren würde, wenn Werder am 15. Mai im Berliner Olympiastadion den Lieblingstitel verteidigen könnte. Wird dann im Weserstadion eine weitere Stufe eingebaut? Rätselraten darüber ist überflüssig, da im Zuge des sündhaft teuren Umbaus in eine reine Fußball-Arena in diesem WM-Sommer der gesamte Innenbau der Ostkurve verschwindet. Und damit leider auch die Erfolgstreppe.

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