Sport : Gruppentherapie für Hertha

Klaus Rocca/ André Görke

"Worst case" war in den letzten Tagen sein Lieblingsvokabular. Der schlimmste Fall also. Seit gestern spricht Dieter Hoeneß am liebsten von "Verkrampfung lösen". Nicht die der Muskeln, nein, die im Kopf. Wer besser als der neue Mentaltrainer könnte da seinen Einsatz haben. Doch davon hält der Manager von Hertha BSC nicht viel. Der, meint Hoeneß, könne in ganz individuellen Fällen eingreifen. Aber hier handele es sich um eine Verkrampfung der ganzen Mannschaft. Und da müsse der Trainer ran, der neue. Falko Götz also.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Der spricht natürlich auch von Verkrampfung, manchmal auch von Blockade, was aufs selbe rauskommt. Und so ganz nebenbei wolle er auch "Leidenschaften wecken, die zweifellos vorhandenen Potenziale abrufen". Leidenschaften und Potenziale, die bei seinem gerade beurlaubten Vorgänger irgendwie verschütt gegangen sein müssen. Jürgen Röber, so Hoeneß bei aller Wertschätzung des Geschassten, habe nicht mehr "die Power gehabt, um noch mal anzugreifen". Die traut er Götz und seinem Assistenten Andreas Thom zu. Götz, gestern den Journalisten und Fotografen nahe der Geschäftsstelle präsentiert, macht nicht den Eindruck, als sei er damit überfordert. Sachlich und nüchtern kündigt er an, die zuletzt so schlappen Hertha-Kicker auf die Erfolgsspur zurückbringen zu wollen.

Als Psychologe vor allem ist er erst einmal gefragt. An seinem fußball-fachlichen Können gibt es ohnehin keinen Zweifel. Er habe, so Hoeneß, ebenso wie Thom "auf höchstem Niveau" Bundesligafußball gespielt. Dass er seit geraumer Zeit als Koordinator für den Amateur- und Jugendbereich tätig war und dabei den Fußball der höchsten Klasse aus den Augen verloren haben könnte, weist Götz energisch zurück. "Ich war bei allen Hertha-Heimspielen dabei und war mit Rudi Wojtowicz als Spielebeobachter dauernd unterwegs".

Im Gegensatz zu Götz, dessen fußballerische Karriere eine schwere Achillessehnen-Verletzung beendete, ist Andreas Thom noch voll im Geschäft. Ob er sich vielleicht selbst mal einwechseln würde, wurde Thom scherzhaft gefragt. Theoretisch könnte er sogar einspringen, wird er doch als Standby-Spieler geführt. Doch Thoms Ehrgeiz hält sich in Grenzen: "Die biologische Uhr tickt nun mal weiter."

Nachmittags, beim Training auf dem Gebhardtplatz am Olympiastadion, trat er aber doch so manches Mal gegen den Ball. Derweil Götz bei seinem Amtsantritt die Aufwärmrunden mitlief und die Kommandos selbst gab. Ob er denn beim Training auch die Flanken vors Tor trete, so wie es Röber und Storck oft getan hatten, wurde Götz gefragt. Götz: "Das müssen die Spieler selbst tun, so, wie sie es auch im richtigen Spiel machen." Als Kritik an seinem Vorgänger-Duo wollte er das nicht verstanden wissen.

Nicht entlocken ließ sich Götz, was er sonst ändern wolle. Nur so viel verriet er: Beim 4-3-3-System werde es bleiben. Und Michael Preetz wird weiterhin als Kapitän fungieren können. Hinsichtlich der Torhüterfrage wollte sich Götz nicht öffentlich festlegen. Dazu Christian Fiedler, der den Ungarn Gabor Kiraly in den vergangenen Wochen verdrängt hatte: "Natürlich werden nun die Karten wieder neu gemischt, doch ich bin zuversichtlich, auch gegen Stuttgart die Nummer 1 zu sein."

Kreativen Fußball wolle er sehen, forderte Götz. Vorerst aber vor allem erfolgreichen. Tunlichst schon am Sonnabend, wenn es im Olympiastadion gegen den VfB Stuttgart geht. "Da muss endlich ein Sieg her", sagt Hoeneß. Götz muss sich dadurch nicht unter Druck gesetzt fühlen. Schließlich hilft Hertha in der jetzigen Situation ohnehin nur ein Sieg. Das weiß natürlich auch Götz.

Dass ihm Marko Rehmer, der seiner Wadenverhärtung wegen den neuen Chef gestern beim Training gar nicht erlebte, dabei vielleicht fehlen wird, könnte die Aufgabe erschweren. Dick van Burik und Andreas Neuendorf, ebenfalls leicht angeschlagen, drehten ihre Runden abseits vom Trainingsplatz. Die gute Laune konnte das Götz freilich nicht verderben. "Er hat viel Spaß rübergebracht. Wir haben viel gelacht", kommentierte nach den ersten Übungen Stefan Beinlich. Was vielleicht schon ein wenig dazu beigetragen hat, die Verkrampfung, die Blockade zu lösen. Und Hoeneß könnte bald wieder jene Spielfreude konstatieren, "die ich zuletzt bei unseren Spielen immer vermisst habe".

In ein, zwei Wochen wird sich Jürgen Röber von der Mannschaft verabschieden. Im Moment, so Hoeneß, sei dieser noch viel zu emotional, "bekomme keine zwei Sätze raus". Er habe aber das Gefühl, dass Röber heilfroh sei, dass der Druck von ihm genommen worden sei. Wäre dem so, könnten ja alle zufrieden sein. Nun müssen nur noch Siege her.

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