Sport : Gruß an die Legende

Yoko Shibui löst sich durch ihren Sieg von Japans Laufidol Takahashi

Frank Bachner

Berlin - Der Streckenposten hat es nicht ganz geschafft. Aber er war nahe dran. Fast hätte er Yoko Shibui noch zu Fall gebracht, 80 Meter vor dem Ziel. Es war natürlich keine Absicht, der Streckenposten wollte nur ein Begleitmotorrad einweisen, aber er stand eben trotzdem im Weg. Und deshalb hat Yoko Shibui vielleicht den Asien-Rekord im Marathon verpasst. Der liegt bei 2:19,39 Stunden, gehalten von den Chinesin Yingjie Sun. Yoko Shibui aus Japan lief 2:19,41 Stunden, damit war sie immer noch schnell genug für einen neuen Streckenrekord, eine Weltjahresbestzeit und Platz vier der ewigen Weltrangliste. Den bisherigen Streckenrekord hielt seit 2001 ihre Landsfrau Naoko Takahashi. Und selbstverständlich verbesserte die 25-Jährige ihre eigene Bestzeit. Zweite wurde ihre Landsfrau Hiromi Ominami (2:23,26).

Natürlich freute sie sich, natürlich stieß sie zwei Meter vor dem Ziel die Faust in die Höhe. Aber Yoko Shibui sagte nach dem Rennen auch: „Ich kann noch viel schneller laufen.“ Noch viel schneller? So schnell wie Paula Radcliffe bei ihrem Weltrekord? 2:15,25 Stunden? „Na ja, sagte Shibui dann, die Haare verklebt, noch Schweiß auf der Stirn, „das wird ein bisschen schwierig.“ Ein bisschen schwierig, wie nett. Nahezu unmöglich gibt es offenbar nicht als Kategorie für die Marathonläuferin Shibui. Das liegt auch daran, dass sie bisher ziemlich schnell nach oben kam. Ihren ersten Marathon, 2001 in Osaka, gewann sie gleich in 2:23,11 Stunden. Sie hat bis heute die beste Grundschnelligkeit aller japanischen Marathonläuferinnen, mit einer 10 000-m-Bestzeit von 30:48,89 Minuten. Und nach ihrem Sieg von Osaka prophezeite ihr Yoshio Koide, dass sie unter 2:20 Stunden laufen könne. Das war so etwas wie ein verbaler Ritterschlag: Koide ist der Trainer von Naoko Takahashi, der Olympiasiegerin von 2000 und Siegerin des Berlin-Marathons von 2001 und 2002.

Aber Selbstbewusstsein ist auch Pflicht in Japan. Spitzen-Marathonläuferinnen können sich keine Schwächen erlauben, dafür ist der Druck durch die Medien und die Konkurrentinnen viel zu groß. Marathon ist in Japan Volkssport. Als Takahashi 2002 in Berlin gewann, hatte Fuji TV, der größte Privatsender Japans, der die Rechte am Berlin-Marathon besitzt, eine Quote von 70 Prozent. Das ist sensationell. „Natürlich übertragen wir auch diesmal aus Berlin live“, sagte gestern ein Redakteur von Fuji TV. Der Sender hat die Rechte an diversen Marathonläufen, aber live überträgt er pro Jahr nur wenige. „Berlin ist dabei sehr wichtig“, sagt der TV-Redakteur. „Denn hier ist Takahashi Streckenrekord gelaufen.“ Und mit ihrer Berliner Zeit hat Shibui jetzt sogar eine bessere persönliche Bestmarke als die Olympiasiegerin.

Trotzdem: Takahashi ist der Maßstab für alles in Japan. Die Olympiasiegerin ist eine Legende in dem Land. Ein Reporter von Fuji TV nannte sie mal „das Mysterium auf zwei Beinen“. Das Buch, das ihr Trainer über sie schrieb, verkaufte sich in kürzester Zeit 700 000 Mal. Deshalb lief Shibui in Berlin auch gegen die Legende. Und deshalb sagt der Reporter von Fuji TV jetzt auch: „Durch diesen Sieg wird sie sehr populär. Denn sie hat Takahashis Streckenrekord unterboten.“

Shibui darf jetzt auf jeden Fall mit mehr Geld von ihrem Firmen-Team rechnen. Die 25-Jährige läuft für eine große Versicherungsgesellschaft. Alle Top-Läuferinnen in Japan sind bei großen Unternehmen unter Vertrag. Und sie trainieren so hart, dass sogar Joseph Riri Respekt hat. Der Kenianer Riri ist gestern Zweiter geworden, er lebt mehrere Monate im Jahr in Japan. „Die Spitzenläuferinnen trainieren dort umfangreicher als kenianische Männer“, sagt er.

Kein Wunder, dass Mizuki Noguchi in Athen Olympiasiegerin wurde. Überraschender dagegen war schon, dass sich Takahashi nicht für Athen qualifizierte. Noch schadet das nicht ihrer Popularität. Es gibt noch keine Alternative zu ihr. Noguchi, der Olympiasiegerin von 2004, fehlt es an Ausstrahlung, und Shibui fehlte auch in Athen. Takahashi hätte sich ja gern in Berlin für die verpasste Olympia-Teilnahme revanchiert. Aber sie war zwangsweise verhindert. Die 31-Jährige fiel nach dem Angriff eines Hundes zu Boden und brach sich eine Rippe.

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