Sport : Guatemala rennt

Der Berlin-Marathon wird immer internationaler – Julio Alvarez vertritt das mittelamerikanische Land

Friedhard Teuffel

Berlin - Für einen Botschafter wirkt Julio Alvarez auf den ersten Blick ein bisschen schüchtern und vielleicht nicht ganz passend gekleidet. Er sitzt verlegen in seinem Stuhl und blinzelt auf die Spitzen seiner Turnschuhe. Seine Hände schauen aus einer blauen Trainingsjacke heraus. Aber Julio Alvarez hat einen diplomatischen Auftrag. Die Botschaft Guatemalas in Deutschland hat ihn eingeladen, damit er als erster Bürger ihr Land beim Berlin- Marathon repräsentiert. „Ich bin sehr fröhlich und dankbar, hier sein zu können“, sagt der schmächtige Mann und schaut dabei aus seinen dunklen Augen, als müsste er an diesem Sonntag eine schwere Mutprobe bestehen.

Der offizielle Botschafter Guatemalas sitzt derweil hinter seinem Schreibtisch und schaut Julio Alvarez freundlich an. Für einen Botschafter eines mittelamerikanischen Landes könnte er keinen schöneren Namen tragen: Heinz Erich Richter de León. Er fühlt sich verantwortlich, dass es seinem sportlichen Mitbürger in Berlin gut geht, er lässt Julio Alvarez vom Fahrer der Botschaft chauffieren und hat ihn bei einem Sekretär der Botschaft untergebracht. Er kann sich für seine Landsleute auch etwas Zeit nehmen, 45 Guatemalteken leben in Berlin und etwa 700 in Deutschland.

Die Idee mit dem Berlin-Marathon hatte jedoch Mildred Hunn, die nun auch mit im Zimmer des Botschafters sitzt und als Botschaftssekretärin in der Konsularabteilung arbeitet. Als sie im vergangenen Jahr an der Strecke stand, kam ihr der Berlin-Marathon vor wie die Vereinten Nationen. „Ich habe Läufer aus Brasilien gesehen, die von Landsleuten mit Fahnen angefeuert wurden, aus Mexiko, aus so vielen Ländern, aber nicht aus Guatemala.“ Dann hat sie angefangen, Kontakte zu knüpfen. Ein guatemaltekischer Urologe aus Berlin kannte einen Trainer in der Hauptstadt Guatemala-Stadt, der empfahl dann Julio Alvarez. Für die Flugkosten hat Mildred Hunn einen Spender gewonnen, für den Rest des zehntägigen Aufenthalts kommt die Botschaft auf.

Schon bevor er losgelaufen ist, trägt Julio Alvarez zu einem Rekord bei. Athleten aus 105 Ländern haben sich in diesem Jahr zum Berlin-Marathon angemeldet, so viel wie nie zuvor. Er sei ein bisschen aufgeregt, sagt der 27-Jährige, und das hat mehrere Gründe. Alvarez ist schließlich vorher noch nie einen Marathon gelaufen. Die halbe Distanz, das war bisher sein längster Wettbewerb. Für die gut 21 Kilometer brauchte er eine Stunde und neun Minuten. Vor fünf Jahren hat er mit dem Lauftraining angefangen und in diesem Jahr einen Elf-Kilometer-Lauf beim Olympischen Tag in Guatemala gewonnen. Seit acht Monaten bereite er sich nun schon auf den Marathon vor und sei dabei in der Woche bis zu 230 Kilometer gelaufen, sagt er. Doch welche Zeit er sich mit seinem Trainer vorgenommen hat, das möchte er lieber für sich behalten. Zu seinen sportlichen Zielen sagt er: „Mein Traum ist es, bei Olympia 2008 in Peking für Guatemala den Marathon zu laufen.“

Aufgeregt ist Alvarez auch, weil er vorher noch nie in Europa war, überhaupt hat er noch keine großen Reisen gemacht. Er arbeitet in einer Glasfabrik, die unter anderem Flaschen für die Biermarke Corona herstellt. Dort kümmert er sich um das Mischen der Rohstoffe. Auf dem Trainingsanzug ist das Logo der Glasfabrik abgebildet, es ist die größte Guatemalas, 2500 Menschen sind dort beschäftigt. Seine Firma unterstützt ihn, gemeinsam mit vier anderen Läufern kann er auch auf einer Sportanlage der Glasfabrik trainieren. Wenn Alvarez nicht dort trainiert, dann läuft er sozusagen auf den Spuren seines Idols – im Estadio Mateo Flores. Das Stadion ist benannt nach dem erfolgreichsten Läufer Guatemalas. Mateo Flores gewann 1952 in 2:31:53 Stunden den Boston-Marathon. „Er hat mich inspiriert“, sagt Alvarez. Wenn es gut läuft bei ihm, dann könnte er sein Idol heute überholen und eine schnellere Zeit erreichen.

Gefeiert wird Alvarez aber auf jeden Fall, der Botschafter hat zum Anfeuern in den Zielbereich des Marathons eingeladen. Sogar die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag hat die Botschaft noch etwas nach hinten verschoben, vom 15. September auf den heutigen Sonntag ab 13 Uhr. Dann wird Julio Alvarez bestimmt im Ziel sein.

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