Sport : Gut durch den Winter

In Schnee und Eis gibt es viel Geld zu verdienen – wenn Athlet und Sportart fernsehtauglich sind

Frank Bachner

Berlin. Monika Riesch ist jetzt doch einigermaßen in Hektik. Sie sitzt noch immer in ihrem Büro, das war so nicht geplant. In zwei Stunden will sie mit ihrem Mann nach Italien fahren, sie müsste jetzt eigentlich zu Hause sein und nicht in der Firma ihres Mannes in Garmisch-Partenkirchen, wo sie Plastikfolien herstellen. Aber sie muss einiges aufarbeiten, es ist viel liegen geblieben. Das lag an diesen fünf gut gekleideten Männern, die abends bei ihr zu Hause aufgetaucht sind oder in ihr Büro kamen. Die Marketing-Experten und Sportmanager wollten mit Monika Riesch über ihre Tochter sprechen. Über Maria Riesch, die Ski-Rennläuferin. Weil die vor kurzem zwei Weltcup-Rennen gewonnen hatte.

Maria Riesch ist 19 Jahre jung, blond, attraktiv. Ein neues, viel versprechendes Gesicht. „Das wird dringend gesucht im deutschen alpinen Skisport“, sagt der Marketingexperte Ralf Scheitenberger, der bei Monika Riesch saß. „Der hat die Evi Sachenbacher unter Vertrag, die Ski-Langläuferin, und was der mit ihr macht, das ist schon toll“, sagt die Mutter von Maria Riesch. Scheitenberger war früher mal Manager von Tennis-Wimbledonsieger Michael Stich. Sein Schützling Evi Sachenbacher verdient viel Geld. Sie hat hoch dotierte Sponsorenverträge, genau so wie einige Biathleten oder die Skispringer Sven Hannawald und Martin Schmitt, die Top-Verdiener der deutschen Wintersport-Szene. Sport in der kalten Jahreszeit ist zur Goldgrube geworden. Für die Sportler, für die Manager, für die Firmen, die sponsern, für die TV-Anstalten, die hohe Quoten messen und teure Werbeinseln verkaufen.

Das passende Gesicht

Evi Sachenbacher wurde auf der größten Bühne, die es überhaupt gibt, zur sportlichen Heldin. In einem dramatischen Rennen sicherte sie der deutschen Langlauf-Staffel bei Olympia 2002 den Sieg. Die Fernsehzuschauer fieberten mit, die Stimme des Reporters überschlug sich fast, die Fans im Stadion kreischten. Gold für Deutschland, und die sportliche Heldin hatte auch noch das passende Gesicht. Die Medien feierten die unbekümmerte, attraktive Frau, die zudem Silber im Einzel gewann. „Diese Kombination aus Erfolg und Aussehen hebt sie schon ab von den anderen der Staffel“, sagt Scheitenberger. „Ich habe zwei dicke Aktenordner mit Berichten über Evi.“ Der Manager nahm sie gleich nach Olympia unter Vertrag. Jetzt hat die 23-Jährige bei ihrer Ski-Firma eine eigene Modellreihe, sie hat eine eigene Brillenmode, wirbt für ein Getränke-Unternehmen. „Sie verdient weit im sechsstelligen Bereich“, sagt Scheitenberger.

Wie viele andere auch. Die Biathleten Ricco Groß und Uschi Disl, die Eisschnellläuferinnen Anni Friesinger und Claudia Pechstein, die Skispringer sowieso. Vor wenigen Jahren noch begnügten sich die Biathleten mit 30 000 bis 40 000 Mark für die Werbung auf dem Gewehrschaft. Dabei hätten sie laut Marktanalysen schon damals das Doppelte verdienen können. Jetzt bringen Werbelogos auf Schaft und Riemen des Gewehrs oder auf der Vorderseite der Mütze zwischen 50 000 und 60 000 Euro ein. Firmennamen auf dem Kolben bringen 35 000 bis 40 000 Euro. Entscheidender Faktor ist die Fernseh-Präsenz. Evi Sachenbacher zum Beispiel ist oft auf dem Bildschirm zu sehen. Deshalb spielt es auch keine Rolle, dass es im Langlauf nur eine erlaubte Werbefläche gibt. „Die ist dann bei ihr halt werthaltiger“, sagt Scheitenberger. Außerdem hat die 23-Jährige „als einzige Läuferin“ (Scheitenberger) zwei zusätzliche Werbeflächen. Den Getränkegurt, den sie trägt, und den Clip, mit dem ihre Ski zusammen gehalten werden. „Die Evi“, sagt er, „hätte man auch vor zehn Jahren gut vermarkten können. Nur hätte sie da nicht so viel verdient.“

Scheitenberger kann sich daran erinnern, wie ihn die damalige Biathlon-Juniorenweltmeisterin Uschi Disl anrief und fragte, ob er für sie Sponsoren finden könne. Scheitenberger fragte in zwei, drei Unternehmen nach. „Die zeigten mir einen Vogel. Die wussten gar nicht, was das ist, Biathlon.“ Inzwischen gehört Disl zu den Spitzenverdienern.

Die nötige Präsenz

Das alles verdankt Disl auch dem Internationalen Biathlon-Verband. Der modellierte die Einzel-Wettbewerbe zu fernsehtauglichen Disziplinen um. Jagdrennen, Sprintrennen, Massenstart, für die Zuschauer ist das sehr attraktiv. Biathlon hat nach Skispringen die höchsten Einschaltquoten. „Langlauf ist auch eine fernsehträchtige Sportart“, sagt Scheitenberger. „Die haben auch reagiert.“ Die Läufer verschwinden jetzt nicht mehr stundenlang im Wald, sondern fahren Schleifen, gut eingefangen von den Kameras. „Trotzdem hat Langlauf auch ein Riesenproblem“, sagt Scheitenberger. Hier stehen sich Traditionalisten und Reformer gegenüber. Die einen sehen den Skilangläufer als Einzelkämpfer, der sich nicht in einem Massenstart aufreiben will, die anderen wollen das Spektakel, den direkten Kampf der Läufer gegeneinander. „Aber über kurz oder lang muss sich der Langlauf teilen“, sagt Scheitenberger. „Da wird es den Sprint-Weltcup geben, der für die Zuschauer hochinteressant ist, und den traditionellen Weltcup.“

Richtig viel Geld ist eben nur dann zu verdienen, wenn der Sport zugleich fernsehtauglich ist und strahlende Siegertypen präsentiert werden können. „Beim Bobfahren und beim Rodeln passiert zu wenig, um die Sportarten attraktiver zu machen“, sagt Scheitenberger. Diese Sportarten profitieren allein von der Übermacht deutscher Athleten. Doch selbst Bob-Olympiasieger Christoph Langen gestand einmal: „Als ich verletzt war, bin ich bei Bob-Übertragungen im Fernsehen eingeschlafen.“

Das ist bei den alpinen Skifahrern anders. Monika Riesch will in Kürze den ganzen Rummel mit den Vermarktern beendet haben, nach Rücksprache mit Tochter Maria selbstverständlich. Einer der fünf Herren erhält den Zuschlag. Und ein sechster will dafür sorgen, dass die Familie Riesch nicht über den Tisch gezogen wird. Am Telefon hatte sich im Hause Riesch nämlich auch ein Anwalt aus Frankfurt gemeldet. Er habe viel mit Marketing-Verträgen zu tun, sagte er. Er könne über den von Maria Riesch gerne drüberschauen. Monika Riesch sagt, sie überlege sich das.

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