Sport : Gut für die Psychohygiene

Wie Medizin-Experten den Wutausbruch von Teamchef Völler bewerten

Paul Janositz

Von Paul Janositz

Rudi Völler explodiert vor laufender Kamera, er schimpft auf die Interviewpartner, er gebraucht nicht stubenreine Ausdrücke. „Er hat seinen Kropf geleert“, sagt der Volksmund. „Er hat seine Aggressionen ausgelebt“, sagen die Psychologen. „Und das ist gut so“, meint der Berliner Psychologe Armin Traute. Denn es sei gesund, Ärger und Wut auszudrücken. Wer seine Gefühle verdrängt, wird eher krank, das ist ein Grundsatz der Psychosomatik, die den Zusammenhang zwischen psychischem Zustand und körperlichem Befinden untersucht.

Doch die Menschen sind verschieden, auch in der Art und Weise, wie sie Gefühle ausdrücken. Psychologe Traute unterscheidet zwei Grundarten. Da ist der aufbrausende Typ, oft auch als Managertyp bezeichnet. Er fährt schnell aus der Haut, auch bei Kleinigkeiten. Wenn etwas schief gelaufen ist, sucht er den Fehler nicht bei sich, sondern beschuldigt gern andere.

Das macht der eher introvertierte Mensch anders. Wenn es problematisch wird, forscht er in seinem Innern nach Erklärungen. Bevor er laut wird, beißt er lieber die Zähne zusammen. „Die Aggressionsverarbeitung ist eher depressiv“, meint Traute. Nächtliches Zähneknirschen, Grübeln und Niedergeschlagenheit sind charakteristisch. Generell registrieren die Mediziner eine stärkere Anfälligkeit für Krankheiten.

Da sind extrovertierte Menschen besser dran. Bei ihnen sind Gefühl und Ausdruck im Einklang. Doch ganz positiv ist die Bilanz nicht. Denn extreme Emotionen können sich schädlich auswirken. Nicht nur, dass die Mitmenschen unter den Wutausbrüchen zu leiden haben. Managertypen bekommen auch häufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aufgabe der Psychologen ist es dann, Entspannungstechniken zu üben. Auch Meditation kann nützlich sein, um den „HB-Männchen“ zu einem ruhigeren Leben zu verhelfen.

Rudi Völler braucht diese Übungen nach Trautes Meinung nicht zu machen. Denn er sieht den Bundestrainer eher als einen Menschen, „der seine Gefühle sehr im Zaum hält“. Das zeige sich auch in seiner Körpersprache, beispielsweise wenn er auf die Lippen beiße. Das sonnabendliche Ausrasten ist demzufolge zwar ganz untypisch, aber dennoch positiv für die „Psychohygiene“. Denn Völler habe unter großem Druck gestanden. Das Interview bot ihm die Möglichkeit, diese Belastung loszuwerden. Wie eine Schleuse öffnete sich die übliche Verhaltenssperre. Völler konnte seinen Emotionen freien Lauf lassen.

Damit schlug er zwei Fliegen mit einer Klappe. Er stellte sich vor seine Mannschaft und kompensierte eigene Versagensängste, lautet Trautes Ferndiagnose. „Schlecht wäre es, wenn er jetzt ein schlechtes Gewissen bekäme“, warnt der Psychologe. Allerdings lassen dies Völlers Kommentare nach dem Interview auch nicht vermuten. Auf entsprechende Fragen bedauerte er lediglich, sich in der Wortwahl teilweise vergriffen zu haben. Die Tendenz seiner Äußerungen, seine Mannschaft werde unfair kritisiert, behielt er bei.

Damit verhinderte er nach Meinung des Sportpsychologen Josef Keller von der Universität München, dass das deutsche Team „durch Kritik und übertriebene Erwartungen von Öffentlichkeit und Experten demoralisiert“ werde. Auch das Kontra für die ARD-Kommentatoren Gerhard Delling und Günter Netzer minderte den Druck. Jetzt muss nur noch die Mannschaft mit Siegen nachziehen. Dann wird Völlers Psyche vollends im Reinen sein.

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