Sport : Gut getarnt

Herthas Aufschwung ist nicht überall richtig registriert worden – den Berlinern ist das sehr recht so

Stefan Hermanns

Berlin - Hertha ist auf dem besten Weg zur deutschen Meisterschaft, nur der Manager ist noch vorsichtig. „Abwarten! Es sind ja noch ein paar Spieltage“, hat Jörg Scherz, ein 35 Jahre alter Erziehungswissenschaftler aus Berlin, gerade erst dem „SZ-Magazin“ gesagt. Beim Online-Fußballmanager-Spiel managerzone.com mit mehr als 400 000 Teilnehmern weltweit ist Scherz mit „Hertha 1969“ bereits siebenmal Meister geworden, der achte Titel steht kurz bevor. Das reale Vorbild, Hertha BSC, hat sich auch lange in virtuellen Welten bewegt, davon geschwärmt, mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor zu fahren, und sich erst vor einem Jahr die Qualifikation für die Champions League zum Ziel gesetzt.

In diesem Jahr ist der Berliner Fußball- Bundesligist wieder in der Realität angekommen, und so, wie es aussieht, bekommt Hertha diese Haltung viel besser als der latente Größenwahn früherer Tage. Dem ehrgeizigen Ziel Champions League folgte in der vergangenen Saison der Absturz in den Abstiegskampf. Aus dieser Erfahrung heraus hat sich der Verein in diesem Jahr eine offensive Bescheidenheit verordnet. „Wir fahren damit ganz gut“, sagt Manager Dieter Hoeneß. Das Saisonziel heißt einstelliger Tabellenplatz, nicht mehr. Wobei Platz eins auch einstellig wäre. Aber so ist es nicht gemeint.

Doch jetzt, da die Mannschaft seit elf Spielen unbesiegt ist und damit derzeit so erfolgreich spielt wie kein zweiter Bundesligist, hat sie im schnell erhitzbaren Berliner Umfeld neue Begierde geweckt. Die Berliner Ausgabe der „Bild“-Zeitung hat Hertha in dieser Woche bereits die „Lizenz als Bayern-Jäger“ erteilt. Dem Boulevard geht es also schon gar nicht mehr um einen Platz im Europapokal; inzwischen sind Bayern München und damit die Meisterschaft in den Blick gerückt. Und was medial passiert, sollte Hertha heute beim VfB Stuttgart gewinnen (17.30 Uhr), kann man sich ungefähr ausmalen. „Daran würden wir nicht zerbrechen“, sagt Hoeneß.

Die spannende Frage aber wäre dann, inwieweit sich Hertha der öffentlichen Aufregung weiterhin entziehen könnte. Bisher profitieren die Berliner auch davon, dass ihr Aufschwung deutschlandweit eher beiläufig registriert wird. Geht es nach Hertha, darf das gerne so bleiben. Denn dass die Mannschaft vor anderthalb Jahren die Champions League als Ziel ausgegeben hat, resultierte auch aus einer Art vorauseilendem Gehorsam gegenüber der öffentlichen Meinung. Nachdem Hertha dreimal hintereinander einen Uefa-Cup-Platz erreicht hatte, wäre alles andere als die Champions League als Feigheit ausgelegt worden.

Vom Reden aber ist noch niemand Meister geworden. Man muss sich nur an den vergangenen Herbst erinnern und die abgedrehte Diskussion um die fehlende Meisterschaftstauglichkeit des Wolfsburger Rathauses. Der neue Manager Thomas Strunz hat sogar noch in der Winterpause vom Titel gesprochen. Von den vergangenen neun Spielen aber hat der VfL sieben verloren, in der Tabelle stürzte die Mannschaft zwischenzeitlich vom ersten auf den zehnten Platz.

„Man müsse sich hohe Ziele setzen – das höre ich immer von denen, die noch nichts erreicht haben“, sagt Herthas Manager Dieter Hoeneß. Wenn er seine Zurückhaltung verteidigt, verweist er immer auf das Negativbeispiel Wolfsburg. „Das hat ja alles Sinn und Verstand“, sagt Hoeneß über das eigene Vorgehen. Jedenfalls lässt er sich in seiner Meinung nicht beirren, auch wenn er vor dem Spiel in Stuttgart zum ersten Mal von der Chance gesprochen hat, „uns nachhaltig dort vorne festzusetzen“. Bei einem Sieg gegen den VfB „sind wir vier Punkte weg von denen“.

Aber Hertha muss den Druck auf die eigene Mannschaft nicht künstlich erhöhen. Das erledigen andere. „Bild“ hat Felix Magath, den Trainer der Bayern, mit der Aussage zitiert, dass Hertha für ihn ein Titelkandidat sei. „Die Münchner machen das sehr geschickt“, sagt Dieter Hoeneß. Inzwischen aber hält er die Mannschaft für „in sich gefestigt genug“, um mit wachsenden Ansprüchen zurechtzukommen: „Die Probleme, die sich aus dem Erfolg ergeben, sind leichter zu verkraften.“

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