Sport : Gut ist nie gut genug

Kanutin Birgit Fischer glänzt auch mit 42 Jahren

Frank Bachner

Berlin – Sie wusste nie, was am nächsten Morgen kommen würde. Es war Winter, es war kalt, der Beetzsee war zugefrorern, zu großen Teilen jedenfalls, und wo am Vortag noch offenes Wasser war, konnte 24 Stunden später eine Eisschicht liegen. Jeden Morgen hoffte Birgit Fischer, dass nichts passiert war. Dass die Stelle, an der sie am Tag vorher ihr Kanu ins Wasser gelassen hatte, jetzt nicht zugefroren war. Oft genug hoffte sie vergeblich. Dann musste Birgit Fischer wieder in ihr Auto steigen und eine andere Stelle zum Trainieren finden.

Eigentlich hätte sie sich das nicht antun müssen. Ihr Leben hätte auch so erfüllt sein können, denn sie hat einen Kanu-Verleih, ein Haus in Bollmannsruh in der Nähe des Beetzsees, an dem sie immer wieder arbeitet, sie hat zwei Kinder, einen Haushalt, und sie hatte schon genug Erfolge: sieben Mal Olympiasiegerin, 27 WM-Titel, die bisher erfolgreichste deutsche Olympia-Teilnehmerin. Und vor allem: Sie ist 42 Jahre alt.

Aber Birgit Fischer wollte dieses mühsame Training Anfang des Jahres. Sie hält wenig von der Spaßgeneration. „Ich trete nicht an, um Zweite zu werden“, sagt sie. Ein Satz wie in Stein gemeißelt. Sie hat ihn verinnerlicht. Deshalb hat Birgit Fischer aus Brandenburg/Havel einen der spektakulärsten Auftritte dieses Sportjahres geboten. Gold bei den Olympischen Spielen im Kanu-Vierer, Gold nach dreieinhalb Jahren Pause, Gold nach nur sechs Monaten Training. Gold nach einem furiosen Endspurt, im Ziel ein paar Zentimeter vor Ungarn. Katrin Wagner, eine aus dem Quartett, sagte: „Ohne Birgit hätten wir nur Silber gewonnen.“ Wagner ist fünfmalige Weltmeisterin und 15 Jahre jünger als Fischer.

Birgit Fischer ist ein sportliches Gesamtkunstwerk. Sie hat ein begnadetes Wassergefühl. „Die ist im Boot geboren worden“, hatte einmal die Weltklasse-Kanutin Katrin Borchert gesagt. Birgit Fischer hat auch eine enorme Härte gegen sich selbst. Als Chef-Bundestrainer Josef Capousek ihr vor Regatten Hotelzimmer buchen wollte, lehnte sie ab. Sie wollte lieber zelten. Sie kann sich auch quälen bis zur Schmerzgrenze. Nur würde sie nie Qual sagen. Sie sagt: Arbeit oder Training. Oder, treffender: Pflicht.

Birgit Fischer wird nie eine dieser satten, selbstzufriedenen Sportlerinnen. „Es gibt bei mir noch viel zu verbessern“, sagte sie. Die Kanutin sucht stets das Optimum und wird es wohl doch nie finden. Ihre Ansprüche sind dafür zu hoch. Ein Sieg ist nur der Schritt zum nächsten Erfolg. Und weil sie so denkt, wirkt sie öffentlich mitunter ein wenig verbissen. Andererseits wird sie nie abheben. Sie putzt auch noch immer selber das Boot. „Eine 17-Jährige steht dann daneben und schaut zu“, sagte Capousek.

Niemand in Deutschland aber hat dieses Feingefühl von Birgit Fischer. Sie kann im Schlussspurt den Rhythmus der anderen im Boot aufnehmen oder exakt jenes Tempo vorgeben, das für die anderen ideal ist. Deshalb hat der Vierer auch Gold geholt. Und kurz darauf gewann die 42-Jährige auch noch Silber im Zweier. Vielleicht paddelt sie ja noch 2008, das weiß sie nicht genau. Aber eines weiß die achtmalige Olympiasiegerin: Sie macht jetzt weiter. „Nur für Olympia hätte sich dieser Aufwand nicht gelohnt.“

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