Sport : Gute Führung

Herthas Team hat wieder eine gesunde Hierarchie

Stefan Hermanns[Schruns]

Falko Götz hat seinem Spielmacher Marcelinho in der vorigen Woche eine besondere Ehre zuteil werden lassen. Im Testspiel gegen den FC Thun durfte der Brasilianer die Kapitänsbinde tragen. „Er ist über seine Verdienste für Hertha in diese Rolle gerutscht“, sagt Trainer Götz. Und nur vorübergehend. Arne Friedrich bleibt auch in der neuen Saison Kapitän des Berliner Fußball-Bundesligisten, Dick van Burik übernimmt von Fredi Bobic die Position als Stellvertreter, nur das Amt des dritten Kapitäns muss noch neu besetzt werden. „Da sind wir noch im Findungsprozess“, sagt Götz. „Ich habe aber schon die eine oder andere Vorstellung. Man sieht ja ganz klar, wer die Führungspersonen sind.“

Marcelinho zählt nicht dazu, und doch mangelt es der Mannschaft nicht an Figuren mit ausgeprägten Führungsqualitäten. „Es sind in erster Linie die Älteren, die auch innerhalb der Truppe für Ordnung sorgen“, sagt Niko Kovac. Er selbst füllt jetzt zunehmend die Rolle aus, die ihm von Anfang an zugedacht war. Vor zwei Jahren kam Kovac von Bayern München zu Hertha, und gemeinsam mit Fredi Bobic sollte er die Lücke schließen, die der Weggang von Michael Preetz und Eyjölfur Sverrisson hinterlassen hatte. „Es wurde erwartet, dass wir den Laden mitschmeißen“, sagt Kovac. Die Mannschaft reagierte mit Zurückhaltung auf die vermeintlichen Heilsbringer von außen. „Jeder erwartet von dir, dass du was zeigst“, sagt Kovac. „Aber wir waren nicht so drin, wie wir es hätten sein wollen.“ Inzwischen hat sich das geändert. Kovac hat eine hervorragende Saison gespielt, und mit seiner Leistungssteigerung wuchs auch die Akzeptanz in der Mannschaft. Wenn er jetzt auf dem Feld seinen Unmut äußert, hören seine Mitspieler auf ihn. „Der Niko hat ein richtiges Comeback gehabt“, sagt Manager Dieter Hoeneß.

Bei Dick van Burik war es nicht anders. In der vorigen Saison hat er zum ersten Mal seit Jahren kaum unter Verletzungen zu leiden gehabt und regelmäßig spielen können. Sein Wort hat ein ganz anderes Gewicht bekommen. „Wir haben jetzt eine breitere Basis“, sagt Hoeneß. Kovac und van Burik nennt er „die heimlichen Kapitäne“, und auch Christian Fiedler ist sehr viel forscher geworden, seitdem er einen Stammplatz besitzt. „Als Torwart bist du schon ein bisschen Einzelkämpfer“, sagt er, „aber ich versuche zumindest, meine Mitspieler zu motivieren.“

Hertha war immer dann stark, wenn die Mannschaft von starken Persönlichkeiten geführt wurde: gleich nach dem Aufstieg von Kjetil Rekdal, später von Preetz und Sverrisson, aber auch von Rob Maas und van Burik. Dass die Mannschaft in der Saison 2003/04 in Abstiegsnot geriet, lag auch daran, dass sie keine echte Hierarchie hatte. „Du brauchst eine gesunde Struktur“, sagt Hoeneß. Vor zwei Jahren hatte Hertha diese Struktur nicht. Die vermeintlichen Führungsfiguren Kovac und Bobic hatten genug mit sich selbst zu tun.

So eine Hierarchie bildet sich heraus, wächst, und trotzdem lässt sich ihr Wachstum zumindest beschleunigen. Falko Götz hat seine Ansprechpartner bewusst ausgesucht, und er signalisiert der Mannschaft immer wieder, wem es erlaubt ist, eine exponierte Rolle zu spielen. Vor jedem Spiel legt er fest, wer auf dem Feld Anweisungen geben darf. Daran haben sich alle zu halten, Diskussionen gibt es, wenn überhaupt, nach dem Schlusspfiff. Gestern im Trainingsspiel hat sich Niko Kovac minutenlang über eine vermeintliche Fehlentscheidung aufgeregt. Sehr zum Ärger seines Trainers. Götz hat Kovac dies auch recht deutlich zu verstehen gegeben. Nach dem Training, unter vier Augen.

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