Sport : Gute Laune hilft immer der Regierung

Angela Merkel jubelt mit Schweini, Helmut Kohl ging mit Berti unter. Hier erklären zwei Wissenschaftler, wieso Wahlen auch im Stadion gewonnen werden. Und warum uns Arbeitslosigkeit und Klimawandel egal sind, solange Ballack und Podolski treffen

Reimar Zeh,Lutz M. Hagen

Angela Merkel hätte kaum etwas Besseres passieren können: Erst konnte sie mit Bastian Schweinsteiger smalltalken, dann kam auch noch Joachim Löw nach seinem Platzverweis zu ihr auf die Tribüne. Fast 31 Millionen Zuschauer konnten am Montagabend sehen, dass Bundestrainer und Bundeskanzlerin anscheinend ein freundschaftliches Verhältnis pflegen. Wieder einmal zeigte sich, wie sehr Politiker die Nähe zum Fußball suchen .

„Wir können nur gemeinsam gewinnen“, sagte Helmut Kohl schon 1998 vor der WM in Frankreich und der Bundestagswahl in Deutschland. Aber Deutschland verlor 0:3 gegen Kroatien, Kohl sprach Berti Vogts noch in der bittersten Niederlage öffentlich das Vertrauen aus – dann mussten beide aus ihren Ämtern scheiden. Seit 1972 folgte auf Erfolge der deutschen Elf meist ein Wahlsieg der Regierung. 1972 wurde Deutschland zum ersten Mal Europameister, wenig später fuhr die Regierung unter Willy Brandt einen deutlichen Wahlsieg ein. Auf den zweiten EM-Titel folgte der knappe Sieg von Helmut Schmidt über Franz-Joseph Strauß. 1990 wurde Deutschland Weltmeister, Kohl gewann die Einheitswahl. 2002 überraschte Völlers Elf mit dem Einzug ins Finale ebenso wie Rot-Grün an der Urne.

Auch Angela Merkel, die bekennend Unsportliche, sieht man oft im Stadion erst zittern und dann jubeln, wenn Deutschland siegt. Denn sie weiß: Beim Fußball wird sie von mehr Wählern gesehen als in der normalen Politikberichterstattung. Das TV-Duell 2005 zwischen Merkel und Schröder wurde von rund 20 Millionen Zuschauern verfolgt, das Finale der EM 2004 zwischen Portugal und Griechenland sahen sich gut 24 Millionen Deutsche an. Wichtig ist, dass Merkel bei ihren Länderspielauftritten glaubhaft wirkt. Das scheint ihr gelungen zu sein: In Wien kommentierte der Moderator ihr Auftreten ausgesprochen wohlwollend. Auch Verteidigungsminister Jung (mit Deutschlandschal) und Außenminister Steinmeier (mit schwarz-rot-goldener Krawatte) ließen die Chance nicht ungenutzt. Die Politiker auf der Tribüne gehören mittlerweile fest zur Fußballberichterstattung. Hier hat sich die politische Kultur gewandelt. Zu Zeiten Konrad Adenauers galt es für den Kanzler noch als unschicklich, bei Länderspielen öffentlich in Erscheinung zu treten.Das änderte sich spätestens unter Helmut Kohl.

Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass ihr Instinkt die Politiker nicht trügt. Seit der WM 1998 beobachten wir, wie sich Erfolge der Nationalelf systematisch auf die Popularität von Kanzlerkandidaten und Parteien auswirken. Dabei sind es vor allem Siege in wichtigen Spielen, die die Regierung und den Kanzler in der Wählergunst steigen lassen. Dieser Zusammenhang überrascht zunächst, da nach den gängigen wissenschaftlichen Theorien die Wahlabsicht von harten Themen und von der Fähigkeit der Politiker abhängt, Probleme zu lösen.

Doch auch die politische Wirkung von Fußball lässt sich wissenschaftlich erklären. Menschliche Urteile sind nämlich stimmungsabhängig. Sind wir gut gelaunt, urteilen wir über alles Mögliche positiver – wir sehen die Welt quasi durch die rosarote Brille. Also profitiert die Regierung davon, wenn gute Laune zum Massenphänomen wird. Dann assoziiert der Wähler Joachim Löws Siege mit Angela Merkel. In Deutschland ist es gerade der Fußball, der seit dem „Wunder von Bern“ als Stimmungsaufheller besonders gut funktioniert. In der heißen Phase eines EM- oder WM-Turniers sind es rund 70 Prozent der Bevölkerung, die sich dafür interessieren. Auch das hilft der Regierung: Arbeitslosigkeit, Klimawandel und Inflation finden in den Nachrichten und in den Köpfen der Zeitungsleser und Fernsehzuschauer weniger Platz.

Gilt dann auch der Umkehrschluss, dass ein Versagen der deutschen Elf der Regierung schadet? So weit wir wissen, nur insofern, als dass wir auf den Boden der politischen Realität zurückgeholt werden und uns wieder intensiver mit der Leistung der Regierung beschäftigen. Fußball ist dann doch nur eine schöne Nebensache, Titel werden tagelang gefeiert, aber ein frühes Aus der deutschen Truppe stürzt uns nicht in eine wochenlange Depression – wir gehen wieder zur Tagesordnung über.

Zum Glück für die Fans und für Angela Merkel hat die deutsche Mannschaft am Montag dafür gesorgt, dass dies noch nicht notwendig ist.

Dr. Reimar Zeh lehrt Kommunikationswissenschaft in Nürnberg, Prof. Dr. Lutz M. Hagen leitet das Institut für Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden.

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