Sport : Gute Tore, schlechte Tore

Durch Fredi Bobic führt Hertha BSC schon 2:0 – doch am Ende heißt es 2:3 gegen Hannover

Klaus Rocca

Berlin. 20 Sekunden vor dem Abpfiff ging ein Jubelschrei durchs Berliner Olympiastadion. Hunderte von Zuschauern, die das Stadion bereits verlassen hatten, werden sich wohl geärgert haben, dass sie Hertha BSC nicht mehr Vertrauen geschenkt hatten. Doch in der Arena wurde kein Hertha-Tor gefeiert, der Jubel galt dem auf der Anzeigetafel eingeblendeten Wolfsburger Sieg über die Bayern. Als in Berlin abgepfiffen wurde, gab es nichts zu feiern. Da hatte Fredi Bobic nach 373 Bundesliga-Minuten das herbeigesehnte erste Tor für Hertha erzielt, dann sogar noch eins draufgelegt – und dann wurde es wieder nichts mit dem ersten Sieg der Saison. Hannover 96 machte aus dem 0:2 ein 3:2, für Hertha gab es wieder nicht die erhoffte Wende zum Guten. „Wir stehen zu Recht da unten. Jetzt stecken wir im Abstiegskampf“, klagte Bobic, der sich noch die wenigsten Vorwürfe machen musste.

Wie hatten sie gejubelt nach den beiden Toren von Bobic, als die Abseitsfalle der Niedersachsen zweimal versagte. Und Bobic selbst, der schon gegen die Schotten erfolgreich war, genoss die seltenen Erfolgserlebnisse. Er trat gegen die Bande, ließ sich von Mannschaftskameraden und Fans feiern. So kann es weitergehen, dachten die Berliner Fans unter den 37 197 Zuschauern. Doch es sollte alles ganz anders kommen.

Dabei hätten die Herthaner gewarnt sein müssen. Da hatten die Hannoveraner zum Saisonbeginn beim gerade gekürten Ligapokal-Gewinner Hamburger SV 3:0 gewonnen, beim FC Bayern nach einer 3:1-Führung noch 3:3 gespielt und schon neun Tore geschossen, als Hertha noch immer nach dem ersten Treffer lechzte. „Wir wussten, dass wir eine Chance hatten, weil Hertha trotz der Führung irgendwie verunsichert war“, sagte Kostas Konstantinidis, der ehemalige Herthaner, später.

Von Minute zu Minute wurde die Verunsicherung größer. Wozu die Gäste mit ihrem technisch guten, schnellen, direkten Spiel gehörig beitrugen. Und natürlich auch durch Jan Simaks schnellen Anschlusstreffer. Vielleicht wäre alles anders gelaufen, hätte wenig später Vinicius bei einem Schuss von Artur Wichniarek den Ball nicht auf der Torlinie mit der Schulter gestoppt. „Das 3:1 wäre wohl die Entscheidung gewesen“, mutmaßte Hannovers Trainer Ralf Rangnick. War es aber nicht.

Die Entscheidung sah dann anders aus. Der Brasilianer Correira Kleber, kurz vor Transferschluss geholt, schoss das Ausgleichstor, zehn Minuten vor dem Abpfiff schaffte der Kanadier Julian de Guzman gar noch den Siegestreffer. „Wir waren die klar bessere Mannschaft und haben verdient gewonnen“, sagte Konstantinidis. So recht widersprechen wollte niemand. Wer auf des Gegners Platz nach einem 0:2-Rückstand noch so auftrumpft, der verdient Respekt. „Erschreckend war vor allem, dass die Hannoveraner uns nicht niedergekämpft, sondern spielerisch besiegt haben“, sagte Niko Kovac.

Wie konnte solch ein Spiel noch kippen? „Weil wir nicht in die Zweikämpfe gegangen sind“, glaubt Trainer Huub Stevens. „Weil die Hannoveraner im Gegensatz zu uns das innere Feuer hatten“, meint Dieter Hoeneß, der Manager. „Weil es bei uns lange Zeit keine Ordnung gab, dafür umso mehr Unruhe“, sagt Arne Friedrich, der Nationalspieler. Recht hatten sie wohl alle.

Möglicherweise wird sich auch Stevens eine Teilschuld anlasten müssen. Dass er den Routinier Dick van Burik auf der Bank ließ und dafür Marko Rehmer, im Länderspiel gegen die Schotten einer der Schwächsten und am Gegentor mitschuldig, die Kapitänsbinde gab, überraschte. Auch war die Taktik sehr riskant. So spielten Rehmer und Josip Simunic ohne Absicherung – Mann gegen Mann. Diese offensive Ausrichtung wurde mit den ersten beiden Toren belohnt, danach hätte vorsichtiger zu Werke gegangen werden müssen. Da hatte es den Anschein, als ob Hertha die 96er überrennen wollte. Das rächte sich.

Zu allem Unglück kam auch noch Pech hinzu. Thorben Marx musste schon nach neun Minuten ausscheiden, ohne dass ihn ein Gegenspieler bedrängt hatte. „Es besteht der Verdacht auf Kreuzbandriss“, sagte Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher. Fast an derselben Stelle hatte Marcelinho beim Saison-Auftaktspiel in den Rasen getreten und sich den Fuß gebrochen. Sein Comeback wird immer mehr herbeigesehnt. Ganz besonders seit gestern.

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