Sport : Gutenberg muss vom Sockel

Die Stadt Mainz bedankt sich bei Trainer Klopp

Matthias Sander[Mainz]

Einen solchen Abschied dürfte es selten für einen Fußballtrainer gegeben haben. Zumal für einen Zweitliga-Trainer, der mit seiner Mannschaft gerade am Aufstieg gescheitert ist. Doch seit Jürgen Klopp im Februar 2001 den FSV Mainz 05 übernahm, gelten am Rhein andere Maßstäbe als nur quantifizierbarer Erfolg. Der ehemals so graue Verein und seine redegewandte Galionsfigur waren vor allem: identitätsstiftend. Im ZDF zum Beispiel glänzt Klopp mit Charme und fachlichen Analysen schon lange – und bei der kommenden EM wieder. Vom diesem Glanz profitierten Stadt und Region. Am Freitagabend nun hatten etwa 20 000 Menschen das Bedürfnis, Danke zu sagen und den zahlreichen emotionalen Momenten der Ära Klopp einen weiteren hinzuzufügen. Sie verabschiedeten Klopp und Kotrainer Zeljko Buvac, die beide zu Borussia Dortmund wechseln, wie am Freitag offiziell bekannt wurde, auf dem Mainzer Gutenbergplatz.

Schon vormittags wurde der Platz präpariert auf dem Mainz 05 auf den Tag genau vor vier Jahren den Bundesligaaufstieg gefeiert hatte. Bühne und Videoleinwand wurden angekarrt, T-Shirts mit der Aufschrift „Danke Kloppo!“ verkauft und die abendliche Aufführung im Staatstheater zu Gunsten eines VIP-Empfangs abgesagt. Als die Fans dann gegen Ende der Verabschiedung „You’ll never walk alone“ sangen, wurde von der Dachterrasse des Theaters ein riesiges Banner mit dem Konterfei Klopps entrollt.

Da passte es gut, dass der berühmteste Sohn der Stadt, Johannes Gutenberg, vorher wörtlich von seinem Sockel geholt worden war. Aus Bedenken, die Statue könne bei einer eventuellen Aufstiegsfeier durch Kletterer ins Wanken geraten, wurde sie vor einer Woche abmontiert. Mit dem Aufstieg wurde es bekanntlich nichts, und so wurde die Feier nur „schaurig schön“, wie ein Moderator die eingespielten Filmchen nannte.

Das Pathos, das die bewegende Abschiedsrede von Jürgen Klopp umgab, war für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar. Klopp musste mehrmals anheben, um einen ganzen Satz auszusprechen, so sehr schluchzte er. „Alles was ich bin, alles was ich kann...“ fing der 40-Jährige an, um nach mehreren Unterbrechungen zu enden: „... habt ihr mich werden lassen.“ Damit meinte er „jeden Einzelnen“, und irgendwie schaffte es Jürgen Klopp diese Sätze tatsächlich glaubhaft zu formulieren. Vorher hatten sich Weggefährten von ehemaligen Mitspielern bis zur Busfahrerin und dem Wirt der Stadionkneipe auf der Bühne von Klopp verabschiedet.

Auch das ist ein Mentalitätswandel, der unter Klopp vollzogen wurde. Hatte „uns ganz Mainz für total bescheuert erklärt“, wie sich Manager Christian Heidel an die spontane Beförderung des Spielers Klopp im Februar 2001 zum Trainer erinnerte, kokettiert die Stadt mittlerweile mit ihrem bekannten Trainer. Als sich ein Auswärtiger vormittags verwundert nach dem Anlass des Aufruhrs im Zentrum der Stadt erkundigte, antwortete ein Mainzer: „Mer sinn halt total bekloppt.“

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