Sport : Gutes Geschäft

Stefan Hermanns

Der Abgang des Helden glich einer perfekt geplanten Inszenierung. Erst durfte Marcelinho noch einen Freistoß auf das Tor der Mönchengladbacher Borussia zirkeln, dann leuchtete seine Rückennummer auf der Auswechseltafel. Die Zuschauer auf der Haupttribüne sprangen von ihren Sitzen hoch, und sie lärmten, als machte sich ihre Mannschaft gerade nach dem Gewinn der Champions League auf den Weg zur Ehrenrunde. Marcelinho hob beide Arme, winkte ins Publikum und küsste das Hertha-Wappen auf seinem bau-weißen Trikot. Dann verschwand er via Stadionkatakomben Richtung Brasilien. Am Donnerstag will er seine Nationalmannschaft im Spiel gegen Bolivien der Weltmeisterschaft im kommenden Jahr ein Stückchen näher bringen.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Gerade zwei Minuten vor Marcelinhos Abgang hatte seine Mannschaft den letzten Treffer des Spiels erzielt. Marcelinho flankte von links, Rob Maas verlängerte per Kopf, und Kapitän Michael Preetz hatte in der Mitte völlig frei stehend, wenig Probleme, seinen fünften Saisontreffer zu erzielen. Die Berliner hatten überhaupt wenig Probleme gegen den Aufsteiger aus Mönchengladbach. Allzu träge wirkten die Borussen, gerade so, als hätten sie am Abend zuvor ein bisschen zu lange den 59. Geburtstag ihres Trainers Hans Meyer gefeiert. Hertha BSC gewann am Ende 3:0 (1:0), und das völlig verdient. "Wir sind wieder im Geschäft", sagte Herthas Trainer Jürgen Röber nach dem dritten Saisonsieg in Folge. Das ist ein ganz neues Gefühl für die Herthaner. "Wir haben Schelte genug bekommen", sagte Röber. Und lange ist das noch gar nicht her.

Nach dem gestrigen Spiel allerdings müssen die Berliner keine bissigen Kommentare fürchten. Die Mannschaft stand kompakt in der Abwehr, gewann schon im Mittelfeld die meisten Zweikämpfe, und sie hatte Marcelinho. "Einfach sehr gut" fand Jürgen Röber den Neuzugang aus Brasilien. Den Treffer von Michael Preetz bereitete er vor, das erste Tor hatte Marcelinho selbst erzielt, allerdings dank höflicher Hilfe der Gäste aus Mönchengladbach. Torhüter Gabor Kiraly schlug einen weiten Ball in die Gladbacher Hälfte, und anstatt den Ball aus der Gefahrenzone zu bolzen, ließ ihn Peter Nielsen über den Spann rutschen, genau in die Laufbahn Marcelinhos. "Das war sicherlich der Knackpunkt", sagte der Gladbacher Verteidiger Markus Münch, der nach einem Zupfer an Marcelinhos Trikot eigentlich die Gelb-Rote Karte hätte sehen müssen und zur Pause vorsichtshalber ausgewechselt wurde.

Eben dieser Markus Münch war es auch, der die erste von nur zwei guten Chancen für seine Mannschaft vertan hatte. Seinen Freistoß aus 20 Meter Entfernung konnte Gabor Kiraly mit Mühe und Geschick aus der Ecke schnappen. Mit dem folgenden Abschlag leitete der Berliner Torhüter dann das Führungstor für seine Mannschaft ein. "Das waren in kurzer Zeit zwei sehr entscheidende Momente", sagte sein Trainer Jürgen Röber.

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass der zuletzt immer sicherer werdende Kiraly erneut zur Schlüsselfigur wurde. Allerdings wird er den Abend im Olympiastadion trotzdem nicht in allzu guter Erinnerung behalten. Nur fünf Minuten nach der Pause musste der ungarische Nationatorhüter mit dem Verdacht auf Muskelfaserriss den Platz verlassen.

Allerdings führte seine Mannschaft da bereits recht beruhigend mit 2:0. Dick van Burik hatte aus fast 30 Metern genau in den Winkel geschossen. Zuvor hatten die Mönchengladbacher allerdings auch keine Anstalten gemacht, Herthas holländischen Abwehrchef auf seinem Weg durchs Mittelfeld zu attackieren. "Wenn man es nicht versucht, dann trifft man nie das Tor", sagte van Burik.

Vielleicht ist das der Unterschied der aktuellen Hertha zu der, die noch vor ein paar Wochen hart kritisiert worden war. "Von Erfolg zu Erfolg spielt es sich leichter", sagte der Berliner Nationalspieler Marko Rehmer. Und von Tor zu Tor. Gladbachs Trainer Hans Meyer fand die Berliner bis zum 1:0 "durchaus nicht souverän", erlebte dann aber, dass Hertha nach der Führung "richtig Lust bekommt": "Der andere ist auf einmal schneller, springt höher, traut sich mehr zu", sagte Meyer.

So einfach ist das manchmal im Fußball. Man muss nur Erfolg haben, dann hat man auch - Erfolg. Nach einem zähen Saisonstart hat sich die Hertha BSC auf diese Weise mehr aus dem Schlamassel gekämpft als gespielt. Der Mönchengladbacher Trainer Hans Meyer sieht die Berliner schon jetzt "auf dem besten Wege, sich in die Gruppe zu bewegen, die sich am Ende der Saison deutlich absetzen wird vom Rest der Bundesliga".

Vor einiger Zeit hat man in Berlin noch ernsthaft daran gezweifelt.

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