• H.-W. Müller Wohlfahrt im Interview: "Ich schaue minutenlang in die Muskulatur hinein"

Sport : H.-W. Müller Wohlfahrt im Interview: "Ich schaue minutenlang in die Muskulatur hinein"

Plötzlich ist bei der Europameisterschaft der

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt (57) ist einer der bekanntesten Sportmediziner der Welt. Durch seine erfolgreiche Tätigkeit bei Bayern München und der deutschen Nationalmannschaft genießt er einen Ruf als Diagnose-Genie. Zu seinen prominentesten Patienten zählt Lothar Matthäus.





Plötzlich ist bei der Europameisterschaft der Arzt im Mittelpunkt - und das nur wegen eines Muskels.

Ach ja, der Muskel von Lothar Matthäus, das ist das Thema in den Medien. Die Verletzung füllt ja ganze Seiten und macht die halbe Berichterstattung von der EM aus.

Und der Doktor kann plötzlich der EM-Verlierer werden - und nicht der Trainer.

Also, ich verspüre nicht mehr Druck als früher - auch wenn es sich um den Patienten Lothar Matthäus handelt. Ich bin frei genug. Außerdem habe ich ein erstklassiges Team, das mir zusätzlich Sicherheit gibt.

Das heißt, der Arzt der Nationalmannschaft ist sich seiner Sache sicher?

Ich fühle mich nach so vielen Jahren sicher genug, um eine Verletzung richtig einzuschätzen und eine Diagnose zu erstellen, und das auch ohne die technischen Hilfsmittel, die uns hier nicht zur Verfügung stehen.

Ganz Deutschland rätselt im Moment darüber, was uns Herr Matthäus sagen will, wenn er sagt: Der Muskel macht zu?

Wenn der Muskel zumacht - wie Lothar sagt - bedeutet das: Der Muskel verkürzt sich, wird unelastisch und ist nicht mehr richtig dehnfähig. Die Gefahr eines Faserrisses ist dann groß. Dieses Gebiet wurde von der Sportmedizin bisher vernachlässigt. Zerrungen und Faserrisse kann man unter Umständen nur ertasten.

Wonach tasten Sie denn?

Nach Spannungsveränderungen der einzelnen Muskeln, Verquellungen, Verklebungen, Faserunterbrechungen und entzündlichen Gewebereaktionen. Wenn man nicht gelernt hat, die wahrzunehmen, ist man im Niemandsland bei der Muskulatur. Dann findet man die Fasern nicht, die ein ganzes System durcheinander bringen.

Ist das Tasten für Sie wie Sehen?

Ja. Ich habe längst die Scheu verloren, minutenlang in die Muskulatur hineinzuschauen und hineinzufühlen. Viele Kollegen haben davor Hemmungen.

Alles, was Muskeln hat, rennt zu Ihnen. Ist Ihnen das nicht peinlich?

Damit hatte ich lange Zeit Probleme, und viele Kollegen hatten Probleme mit mir. Aber das hat sich gelegt. Die jüngeren Bundesligaärzte haben mich besucht, um zu lernen. Sie haben gesehen, was ich und wie ich es mache. Wenn Spieler aus England oder Italien kommen, ist es mir am liebsten, wenn sie in Begleitung ihres Arztes sind.

Unterscheiden sich die Muskeln von Sportlern eigentlich?

Ja, auf jeden Fall, man könnte sagen von Disziplin zu Disziplin. Da ist ein himmelweiter Unterschied zwischen Sprintern und Langstreckenläufern. Ich denke da an Linford Christie und Haile Gebreselassie, der war neulich erst bei mir.

Wahrscheinlich hat Gebreselassie bisher auf Medizinmänner vertraut. Sind Sie vielleicht auch einer?

Sie werden lachen, vor zwei Jahren war ich auf dem Sprung nach Kalifornien. Der Medizinmann eines Indianerstammes hatte mich eingeladen. Der Mann ist über 80 Jahre alt. Ich musste kurzfristig absagen, aber irgendwann werde ich ihn besuchen.

Was versprechen Sie sich davon?

Ich will einfach nur schauen. Man kann nicht etwas kopieren, man kann nur Arzt aus sich selbst heraus sein. Man kann aber lernen und sich motivieren lassen. Ich glaube an höhere Gewalt, an Fügung.

Sind Sie deshalb noch nicht ins Fernsehen gegangen?

Ich habe vor vielen Jahren diese Entscheidung für mich getroffen. Da ist eine innere Ablehnung, keine coole Abwägung. Ich gehöre da nicht hin. Ich fühle mich einfach nicht gut vor der Kamera.

Das kann man von Ihrem Langzeitpatienten Lothar Matthäus nicht unbedingt behaupten.

Ich kenne Lothar seit 15 Jahren. Eine außergewöhnliche Karriere. Seine Gene spielen ein entscheidende Rolle. Besonders drückt sich das in seinem athletischen Körperbau und seiner Muskulatur aus. Er hat Hebelverhältnisse, die für einen Fußballer ideal sind, selbst die Fußform. Das ist ererbt.

Ein Glückspilz. Und jetzt hat er auch noch Ihre Tochter Maren.

Diese Entwicklung hat mich nun wirklich überrascht. Ich hatte nie besonders viel Zeit für meine Kinder. Trotzdem hatte ich immer eine tiefe und innige Beziehung zu meiner Familie.

Und jetzt eine besondere zu Lothar Matthäus, Ihrem zukünftigen Schwiegersohn, wenn man den vielen Geschichten Glauben schenken darf.

Diese Beziehung gilt es abzuwarten. Maren ist noch sehr jung und hat ihren beruflichen Werdegang noch vor sich. Wir Eltern haben ihr dafür, so glaube ich, viel mit auf den Weg gegeben. Sie braucht auf jeden Fall Aktionsfreiraum, um die Entwicklung ihrer Persönlichkeit entfalten zu können.

Das dürfte sich aber an der Seite von Lothar Matthäus als schwierig erweisen.

Ich habe in der Öffentlichkeit darüber noch nie gesprochen. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass es für beide nicht einfach wird.

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