Sport : Haas bricht mit Kiefer

Jörg Allmeroth

Thomas Haas schritt entschlossen durch das Spielerzentrum im Melbourne Park und wollte seinem Kollegen Nicolas Kiefer zur überstandenen Erstrunden-Aufgabe gegen den Argentinier Guillermo Canas (4:6, 6:3, 6:4, 6:4) gratulieren. Nach einem Marsch vorbei an Trainern, Managern und Tennis-Familien endlich bei Kiefer angelangt, kam Haas allerdings nur dazu, seinen eigenen Glückwunsch unangemeldet auszusprechen.

Kiefer, der Davis-Cup-Verweigerer, drehte sich um, schaute den Landsmann Haas über die Schultern an - und wandte das Gesicht dann wieder wortlos ab. Der obligatorische Handschlag zwischen den beiden besten deutschen Tennisspielern kam nicht zu Stande. "Einfach blöd" sei er sich vorgekommen, sagte Haas später erbost zu Vertrauten, als er selbst sein Auftaktmatch gegen den Franzosen Cyril Saulnier 7:6, 6:4, 4:6 und 6:2 gewonnen hatte, "so kann man doch nicht miteinander umgehen". Wenn Kiefer nur noch sein "eigenes Ding drehen" wolle, dann sei ihm das "nun auch egal".

Die Episode in Melbourne, ungläubig beobachtet vom Rest des großen Tennis-Trosses, ist der vorläufige Höhepunkt der Entzweiung von Kiefer und Haas. Das ohnehin stets unterkühlte Verhältnis des deutschen Amerikaners, der sich immer wieder in den Dienst der Tennis-Nation stellte, und des scheinbar nur noch auf persönliches Fortkommen achtenden Kiefer ist inzwischen fast völlig zerrüttet. Sagte man sich früher wenigstens noch "Guten Tag" oder wünschte sich für die anstehenden Matches alles Gute, sind jetzt nicht mal mehr die minimalen Umgangsformen gewahrt. "Viel hat sich zwischen mir und Kiefer noch nie abgespielt", sagt Haas. Doch jetzt ist nur noch Stillstand auf allen Ebenen.

Bei den Australian Open geht es zwischen Haas und Kiefer mittlerweile zu wie in den schlimmsten Zeiten der Rivalität von Becker und Stich. Der Davis-Cup-Konflikt um Kiefers Absage für die Spielzeit 2000 hat genau zu jenem tiefen Bruch der beiden Jungstars geführt, der immer unbedingt vermieden werden sollte.

Mit der Davis-Cup-Absage von Kiefer ist für Haas, der dem Treiben des Konkurrenten bisher arglos zugeschaut hatte, das Maß voll: "Was Nicolas sagt, ist unglaubwürdig. Bei den Olympischen Spielen will er sein Land vertreten, im Davis Cup aber nicht." Haas ist auch deshalb sauer, "weil wir in diesem Jahr eine gute Chance gehabt hätten, vielleicht den Pott zu gewinnen". Trotzdem will Haas nicht aufstecken und hofft, in einer Trotzreaktion mit der aus der Not geborenen DTB-Mannschaft Holland "auf dem falschen Fuß erwischen zu können".

Selbst seine persönlichen Probleme, seine Hüft- und Schulterverletzungen vergisst Haas vor dem Showdown in Leipzig: "Wenn es irgendwie möglich ist, trete ich sogar im Einzel und Doppel an." Ein Doppeleinsatz würde für den angeschlagenen Haas allerdings nur Sinn machen, wenn an seiner Seite der Münchner David Prinosil starten könnte. Andernfalls wäre die Doppelbelastung auch "taktisch und strategisch nutzlos", meint Kapitän Carl-Uwe Steeb. Prinosil hat daheim am Montag wieder mit leichten Trainingseinheiten begonnen. Ob er in Leipzig spielen kann, ist ungewiss.

Kiefer, der sich in der zweiten Melbourne-Runde nun dem Deutsch-Brasilianer Tomas Behrend stellen muss, lehnte es am Dienstag klipp und klar ab, sich noch weiter zum Thema Nationalmannschaft zu äußern. Nachdem er zunächst in der Pressekonferenz gesagt hatte, er wolle "nicht mehr über den Davis Cup sprechen", schwieg der Niedersachse nach einer weiteren Frage zum Thema Nummer eins wie einst der Boxer Norbert Grupe im ZDF-Sportstudio und blickte starr geradeaus in die Kameras.

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