Sport : „Habt ihr bessere Ideen?“

Ferrari stürzt die Formel 1 in die Langeweile – mit strategischem Aktionismus wollen Ecclestone und Mosley das ändern

Hartmut Moheit

Berlin. War die Ankündigung von Jean Todt nun eine Provokation oder eher der Ausdruck von besonderem Selbstvertrauen? In einer Situation, in der die gesamte Formel-1-Konkurrenz auch eine Woche nach Saisonende über die erdrückende Überlegenheit von Ferrari klagt, in der krampfhaft nach Regularien gesucht wird, damit es in der kommenden Saison wieder spannend zugeht, drohte der Teamchef der Roten allen: „Diese Saison war noch nicht perfekt. Perfekt wären 17 Doppelsiege in 17 Rennen. Also 272 Punkte.“ Zur Erinnerung: Michael Schumacher und Rubens Barrichello haben in diesem Jahr 221 Zähler und neun Doppelsiege für Ferrari eingefahren. Nur zwei Rennen wurden nicht von einem Ferrari-Fahrer gewonnen. Letztlich ging es gar nicht mehr darum, die Konkurrenz zu schlagen, sondern darum, wer als als Erster von ihnen über die Ziellinie fahren darf.

Michael Schumachers frühzeitiger Titelgewinn schon beim elften Grand Prix des Jahres in Magny-Cours machte die Sache nicht eben interessanter. Im Gegenteil: Nachlassendes Zuschauerinteresse, sinkende Fernsehquoten und damit niedrigere Preise für Werbung riefen zwangsläufig die Macher des PS-Spektakels, Motorsport-Weltpräsident Max Mosley und Formel-1-Boss Bernie Ecclestone, auf den Plan. Sie stellten Forderungen, die sich ungefähr so zusammenfassen lassen: 2003 soll es durch radikale Reformen mehr Chancengleichheit und damit mehr Spannung geben. Außerdem sollen dadurch die immensen Kosten gesenkt werden, denn auch die Formel 1 spürt die Zeichen der Rezession. Und daran ist ausnahmsweise mal nicht Ferrari schuld.

Allerdings haben sich die beiden mächtigen Herren mit ihren Vorschlägen nur sehr wenig Freunde gemacht. Dass sich Ferrari, jenes Team, das sich dank Jean Todt, Ross Brawn und insbesondere durch Michael Schumacher von einer Chaos-Truppe zu einem innovativen Ausnahme-Team entwickelte, benachteiligt fühlen würde, war klar. Immerhin ist das Team der unmittelbare Auslöser der Diskussionen. Es glaubte sich abgestraft für die außergewöhnlich gute Arbeit in den zurückliegenden Jahren. Die Antwort aus Italien in Richtung von Mosley und Ecclestone ließ nicht lange auf sich warten. Ferraris Präsident Luca di Montezemolo drohte sogar damit, die Roten völlig aus der Formel 1 zurückziehen zu wollen. In 52 Jahren Formel 1 ist das allerdings schon des Öfteren vorgekommen, und bisher ist Ferrari noch jede Saison an den Start gegangen.

Zustimmung erhielt di Montezemolo indes von Jaguar-Teamchef Niki Lauda. „Das erschüttert die Grundbegriffe der Formel 1. Seit 50 Jahren gilt: Wer die beste Arbeit macht, technisch den meisten Fortschritt, der gewinnt. Der Erste war immer der Beste, der Letzte der Schlechteste", sagte der frühere Weltmeister dem „Kicker". Man dürfe die Formel 1 nicht zum „Zirkusprojekt" degradieren.

Nachdem sich die erste Aufregung über den Neun-Punkte-Katalog (siehe Kasten) gelegt hat, glaubt jedoch niemand mehr daran, dass er tatsächlich komplett umgesetzt wird. Am 28. Oktober wird in London darüber diskutiert. Die Formel-1-Kommission, deren 26 Mitgliedern die Teams, Sponsoren, Reifen- und Motorenhersteller, Veranstalter sowie Mosley und Ecclestone stellen, muss einen Vorschlag mit mindestens 18 Stimmen annehmen. Danach muss die Entscheidung vom Weltrat der FIA am 13. Dezember bestätigt werden, der vorwiegend aus Vertretern nationaler Automobilklubs besteht. Es gibt also genug Möglichkeiten, eventuellen Unsinn auszusieben.

Möglicherweise bleibt lediglich ein Signal an die Fans übrig. Denn eines wurde seit dem letzten Saisonrennen in Suzuka deutlich: In erster Linie handelt es sich bei dem von Mosley und Ecclestone initiierten Aktionismus um einen klugen diplomatischen Schachzug, mit dem signalisiert werden soll, dass man das Abfallen der Spannungskurve durchaus bemerkt hat. Und so sind die neun Vorschläge, die mittlerweile den Teams zugegangen sind, auch nicht als vollständiges Reformpaket zu verstehen. Es geht eher um einzelne Details. Und die werden mitunter durchaus positiv aufgenommen. So sprach sich Teamchef Eddie Jordan dafür aus, „überlegene Autos durch Zusatzgewichte einzubremsen“. In Tourenwagen-Serien hat sich das bewährt. In einem Interview mit „BBC Radio Five Live“ sagte Jordan: „Meiner Meinung nach ist dies ein exzellenter Weg, um das Feld auf einen Level zu bringen.“

Jean Todt hält ihm entgegen: „Ich frage mich: Ist es richtig, mit Zusatzgewichten die Tennisschläger der Williams-Schwestern zu erschweren oder so den Golfschläger von Tiger Woods zu ändern?“ Und der „Gazzetta dello Sport“ gegenüber schlug Todt – allerdings nicht im Ernst – vor: „Wenn man unbedingt Ferrari benachteiligen will, kann man unsere Autos eine Runde später starten lassen.“ Schumachers Manager Willi Weber befürchtet durch Zusatzgewichte einen Umkehrschub. „Man gibt Milliarden für ein technisch hoch entwickeltes Fahrzeug aus, bezahlt teure Ingenieure – und plötzlich heißt es: Weil du ein Zehntel schneller bist, musst du 50 Kilogramm Gewicht mitschleppen. So geht es nicht", sagte Weber. Wenn man die Spielwiese der Ingenieure durch zu viele Verbote kappe, sei irgendwann deren Interesse und das der Hersteller weg.

Diese Diskussion um nur einen der neun Punkte zeigt schon, wie zerfahren die Situation ist. Als völlig unsinnig wird der Vorschlag eines Fahrertauschs angesehen, wenn auch Ralf Schumacher sagt: „Mit dem Ferrari von Michael würde ich auch gewinnen.“ Hinter dieser Aussage liegt allein der Reiz, einmal dieses Auto fahren zu dürfen, ohne wirklich für diesen Vorschlag zu sein.

Mit entscheidend für Regeländerungen wird sein, wie die Hauptverlierer der Saison 2002, Williams-BMW und McLaren-Mercedes, dazu stehen. Sie halten die radikalen Reformvorschläge ebenfalls für nicht durchsetzbar. Sie wollen ihren Rückstand zu Ferrari eher durch eigenen Fortschritt verkürzen, als dass sie durch die Schwächung von Ferrari zum Erfolg kommen. „Wir wollen keinen eingebremsten Konkurrenten schlagen, sondern ihn bezwingen, wenn er am besten ist“, sagte Mercedes-Sportchef Norbert Haug. Für BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen ist deshalb klar: „Es wird sich nicht viel verändern.“ Auf einen Michael Schumacher in einem hoffnungslos unterlegenen Minardi wird man lange warten können.

Ziemlich wahrscheinlich ist dagegen, dass Mosley und Ecclestone mit den extremen Ideen wohl zuallererst provozieren und die Teams zur Mitarbeit anregen wollen. „Jeder weiß, dass wir ein Problem haben. Wir sagen: Hier sind mögliche Lösungen. Habt ihr bessere Ideen?“, sagte Mosley, der die Chancen der Vorschläge selbst nur auf 50:50 einschätzt. Damit liegt er aber immer noch deutlich über den allgemeinen Erwartungen. Wenn es gar nach Ferrari ginge, bliebe ohnehin alles wie 2002.

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