Sport : Hackentricks im Abseits

Ronaldinho ist in der Krise – in Barcelona wächst der Druck auf den Star

Julia Macher[Barcelona]

Es war der vorläufig letzte Versuch, die Akte Ronaldinho zu schließen. „Er geht nicht, er wird nicht gehen, und er steht auch nicht zum Verkauf“, verkündete FC Barcelonas Finanzchef Ferran Soriano zum Wochenende. „Sein Vertrag läuft bis 2010, vielleicht verlängern wir.“ Auch Ronaldinho setzt dieser Tage alles daran, Wechselgerüchte und Klagen über seine schwache Form verstummen zu lassen. Am Dienstag zeigte er auf dem Trainingsplatz seinen Hackentrick, bugsierte den Ball mit dem rechten Absatz hinterrücks ins Tor; am Donnerstag ließ er sich beim teamgeiststärkenden Grillausflug mit Fans fotografieren.

Man muss kein Hellseher sein, um das als Beschwichtigungsmanöver zu durchschauen. Acht Punkte trennen den Verein vom Tabellenführer Real Madrid. Der katalanische Klub droht den spanischen Meistertitel zu verspielen, zum zweiten Mal in Folge. Sollte der FC Barcelona erneut titellos bleiben, wären personelle Veränderungen unumgänglich. Neben Coach Frank Rijkaard und Deco träfe das als Erstes den Mann, der zum Symbol der Krise geworden ist: den zweifachen Weltfußballer und einstigen Dribbelkünstler Ronaldo de Assis Moreira.

Ein vernichtendes Zeugnis stellte ihm die klubnahe Zeitung „Sport“ aus: Danach führte in dieser Saison keine von Ronaldinhos 70 Flanken zu einem Tor, nur 19-mal drang der Brasilianer in den gegnerischen Strafraum ein. Ein einziges seiner sechs Saisontore erfolgte aus dem Spiel. Bloß: Warum der einstige Strahlemann so schlecht spielt, kann auch das Blatt nicht erklären. Berichte über angebliche Eskapaden liegen Wochen zurück. Nebulös war da die Rede von Ronaldinhos „schlechter Verfassung“, die dann zu kleineren Verletzungen führe. Er mache schlapp, weil er psychisch erschöpft sei.

Dabei gibt sich Ronaldinho wirklich Mühe, zuletzt eindrucksvoll am Vorweihnachtsabend beim verlorenen Duell gegen Real Madrid. Mehr aus psychologischem denn taktischem Kalkül ließ Frank Rijkaard den zweimaligen Weltfußballer von der ersten bis zur letzten Minute spielen. Selten hat man ihn so viel rennen und kämpfen sehen. Am Ende pfiffen sie ihn aus, wenige Tage später schrieb der Klub Ronaldinho wieder krank.

Dass parallel zur Demontage des einstigen Superstars die Lobeshymnen auf hausgemachte Helden wie Bojan Krkic oder Lionel Messi lauter werden, ist kein Zufall. Den Katalanen dient der Klub als Ersatzrepublik, nicht umsonst schreibt der vereinsinterne Verhaltenskodex den Spielern ein geschärftes Bewusstsein für katalanische Befindlichkeiten vor. Wenn Ronaldinho patzt, hat er eben nicht nur ein Spiel vergeigt, sondern unter Umständen Landesverrat begangen. Wer mit dieser Gemengelage von Kindesbeinen an vertraut ist, entwickelt Gegenstrategien. Für Sportler, die von außen kommen, kann es die Hölle sein. Vor gut einem Jahr fragte ein Radioreporter Ronaldinho, wie er mit dem ständigen Druck umgehe. Der verstand nicht recht und fragte zurück: „Was genau meinst du damit?“ Heute würde seine Antwort vermutlich Bände füllen.

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