Sport : Hählinge nach obe gschliche

Der VfB steht für die schwäbische Mentalität

Rezzo Schlauch

Für einen Grünen ist der VfB Stuttgart eigentlich immer ein rotes Tuch gewesen. Der VfB, das war der Klub von CDU-MV, von unserem politischen Gegner Gerhard Mayer-Vorfelder. Aber was den Klub dann auch für einen wie mich sympathisch gemacht hat, war: MV hat auch Spielerpersönlichkeiten zugelassen, die so gar nicht auf seiner Linie waren. Karl Allgöwer zum Beispiel. Den habe ich nicht nur als Spieler in sauguter Erinnerung. Er war auch als engagierter Bürger der Stadt Stuttgart überragend. Den konnte man immer ansprechen, wenn man einen sozialen Brennpunkt hatte.

Als ich noch Provinzpolitiker war, gab es davon einige. In den Achtzigern und Neunzigern gab es leider viele rechtsradikale Umtriebe. Für Aktionen gegen rechts war einer wie Allgöwer immer da. Aber auch Jürgen Klinsmann hat mich beeindruckt. Er hat sich einmal für eine Jugendstrafanstalt in Baden-Württemberg engagiert, obwohl das alles andere als ein populäres Thema war. Aber kommen wir einmal zur Gegenwart: Um ehrlich zu sein, ich bin eigentlich Fan des SC Freiburg. Ich habe in Freiburg studiert, und außerdem halte ich es wie viele Schwaben: im Badischen leben, im Schwäbischen arbeiten.

Aber Stuttgart ist natürlich meine Stadt, und ich denke immer noch gerne an meinen Wahlkampf für das Amt des Oberbürgermeisters zurück. Man muss sich das mal vorstellen: Ich als Grüner hatte gerade im bürgerlichen Stuttgart, in der Autostadt mit Daimler und Porsche die Chance, zum Oberbürgermeister gewählt zu werden. Das finde ich bis heute einen tollen Erfolg, und mich sprechen immer noch Leute in der Fußgängerzone an und sagen: „S’isch scho schad, dass Sie es net geworre sind.“

Trotz meiner Sympathie für Freiburg habe ich als Stuttgarter natürlich auch große Zuneigung für den VfB, und die ist in dieser Saison auf jeden Fall noch einmal gestiegen. Der VfB hat sich aus der Tiefe der Tabelle völlig unspektakulär nach vorne gespielt. Ohne großes Brimborium. Stufe für Stufe nach oben. Gemäß der schwäbischen Mentalität. Die Schwaben haben dafür ein besonderes Wort „hählinge“. Sie würden also sagen, der VfB hat sich „hählinge nach obe gschliche“, das heißt stetig und mit Understatement.

Ich weiß natürlich, dass die Wogen der Begeisterung hier nicht ganz so hoch schlagen wie im Ruhrgebiet. Der Identifikationsgrad ist sicher nicht so groß wie in Gelsenkirchen. Das kann man leicht erklären. Die Bergbau- und Kumpelkultur im Ruhrgebiet ist weggefallen, da blieb nicht mehr so viel übrig. Der Schwabe hat mehrere Identifikationsmöglichkeiten. Er hat die Landschaft, hat den Wein, hat hier in Stuttgart viel Kultur, er „schafft beim Daimler oder beim Bosch“.

Mit Leidenschaft ist der Schwabe eher vorsichtig, er gibt seine Liebe nicht einfach so her, er trägt aber auch nicht so dick auf. Die Welt wird also mit dieser Meisterschaft in Stuttgart nicht stillstehen. Das liegt eben an der schwäbischen Mentalität, das ist das „Schaffige, das auf diesen Kessel Stuttgart Bezogene“. Aber der VfB hat hier in dieser Saison schon viel bewegt. Das „Schwäbisch-Behäbige, das Bruddlige“, also das Herumgemaule, all das ist im Moment gar nicht so ausgeprägt. Stattdessen feiern die Stuttgarter leicht und locker mit dem VfB, der wirklich über sich hinausgewachsen ist.

Feiern können die Stuttgarter auch wirklich. Das haben sie nicht nur beim Fußball gezeigt. An die Leichtathletik-Weltmeisterschaft 1993 erinnern sich auch deshalb viele Athleten so gerne, weil das Publikum einfach fantastisch war. Wenn ich mir jetzt nach diesem tollen Titel noch etwas wünschen dürfte, dann wären es zwei Dinge: zum einen, dass der VfB am nächsten Samstag in Berlin noch den Pokal holt, da sitze ich auch mit auf der Tribüne. Und zum anderen, dass zusammen mit dem KSC noch der SC Freiburg in die Bundesliga aufsteigt. Dann wäre das schwäbisch-badische Glück perfekt.

Rezzo Schlauch, 59, ist Politiker bei Bündnis 90/Die Grünen. 1996 scheiterte er nur knapp bei der Wahl zum Stuttgarter Oberbürgermeister. Von 2002 bis 2005 war Schlauch Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, jetzt arbeitet er als Rechtsanwalt und berät den Energiekonzern EnBW. Sein Beitrag wurde aufgezeichnet von Friedhard Teuffel.

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