Sport : Härter als ein Pyrenäenpass

Lance Armstrong rettet sich nach 2 Stunden und 59 Minuten ins Ziel des New-York-Marathons

Sebastian Moll[New York]

Lance Armstrongs Kraft reichte genau für 42,195 Kilometer aus. Keinen Zentimeter weiter. Als der Tour-de-FranceChampion nach zwei Stunden 59 Minuten und 38 Sekunden den Zielstrich des New Yorker Marathons im Central Park erreichte, musste ihn Helfer aus dem Zielbereich geleiten – aus eigener Kraft hätte er es nicht mehr von der Stelle geschafft. „In 20 Jahren Profisport“, sagte er eine halbe Stunde später, „war das heute mein härtester Kampf.“

Das ist für einen wie ihn, der sieben Mal die Tour de France gewonnen hat, ein erstaunliches Eingeständnis. Doch offenkundig ist kein Pyrenäenpass so hart, wie ein Marathonlauf. Jedenfalls nicht für einen Star-Radler im Ruhestand, der gut acht Kilo mehr auf den Rippen hat, als in den Tagen, in denen er Jan Ullrich und dem Rest der Welt mit Leichtigkeit davon radelte.

Lance Armstrong hatte sich das leichter vorgestellt. „Ich habe das sicher unterschätzt“, sagte er. Eine Dreiviertelstunde Jogging pro Tag, nur ein einziger Trainingslauf von mehr als 20 Kilometern – das war seine komplette Vorbereitung. Mit der Grundlage von vielen Hunderttausend Radkilometern würde das schon ausreichen, dachte Armstrong. Doch das war nicht so. Nach 30 Kilometern wurde Armstrongs Schritt schwer, sein Oberkörper verkrampfte sich und seine Zwischenzeiten verlangsamten sich von Meile zu Meile. „Das war eine demütigende Erfahrung“, sagte er im Pressesaal, froh, dass er endlich sitzen durfte.

Allerdings hatte Lance Armstrong sich das Leben auch selbst schwerer gemacht, als er das hätte tun müssen. Zwei Jahre nach seinem offiziellen Karriereende hätte er den Marathon einfach mitlaufen können, ohne sich Ziele zu setzen. Seinem Sponsor Nike, für dessen neue Schuhserie er unter anderem in New York Werbung lief, wäre es jedenfalls gewiss gleichgültig gewesen, ob Armstrong drei Stunden oder dreieinhalb braucht. Doch Armstrong hatte sich partout vorgenommen unter drei Stunden zu bleiben. Insgeheim wollte er sogar schneller laufen als sein ehemaliger Radlerkollege Laurent Jalabert, der im vergangenen Jahr für den New Yorker Marathon zwei Stunden und 55 Minuten brauchte. So startete Armstrong mutig in den Lauf. „Ich musste ihn ständig bremsen, am Anfang“, erzählte der ehemaligen Marathon-Champion Alberto Salazar, den Nike Armstrong als Eskorte zur Seite gestellt hatte. Als er zehn Kilometer vor dem Ziel die neuen Schuhe kaum mehr vom Asphalt hoch bekam, so Armstrong, war ihm jedoch die Zeit schon lange nicht mehr wichtig: „Ich bin jetzt froh, dass ich unter drei Stunden geblieben bin“, sagte er später. „Bei Kilometer 35 wollte ich nur noch ins Ziel kommen, da war mir alles egal.“

Eine Marathonkarriere schließt Lance Armstrong nach dieser Erfahrung definitiv aus. „Ich weiß nicht, wie ich in einem Monat denke, aber im Moment verspüre ich wenig Lust, mir so etwas noch einmal anzutun“, sagte er. „Wenn ich richtig dafür trainieren würde, könnte ich vielleicht zweieinhalb Stunden laufen“, sagte er. „Aber warum zum Teufel sollte ich so etwas tun wollen.“ Schließlich würden ihm dann zur Weltklasse noch immer 20 Minuten fehlen. Der Sieger des 37. New Yorker Marathons, der 29 Jahre alte Brasilianer Marilson Gomes dos Santos, benötigte gestern 2:09:58 Stunden für die 42,195 Kilometer. Und der lachte noch im Zielbereich.

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