Sport : Härter, länger, höher

Martina Strutz ist immer noch ein wenig fassungslos darüber, dass sie WM-Zweite im Stabhochsprung wurde. Heute trifft sie beim Istaf auf Silke Spiegelburg, die plötzlich eine neue Rivalin hat

von
Steiler Aufstieg. Martina Strutz, 1,60 Meter groß, katapultierte sich mit den kürzesten Stäben der Weltspitze zum WM-Silber. Jetzt wird sie auf längere Stäbe umsteigen. Foto: dpa
Steiler Aufstieg. Martina Strutz, 1,60 Meter groß, katapultierte sich mit den kürzesten Stäben der Weltspitze zum WM-Silber. Jetzt...Foto: dpa

Berlin - Die Stäbe liegen bei Martina Strutz zu Hause, fabrikneu, noch nicht mal ausgepackt. Sie hat sie geliefert bekommen, aber sie nützen ihr eigentlich nicht viel, sie sind nur 4,25 Meter lang. Mit solchen Stäben springt sie auch jetzt schon, mit einem solchen Stab ist sie sogar Vize-Weltmeisterin im Stabhochsprung geworden, aber es muss ja jetzt weiter nach oben gehen. Sie ist nur 1,60 Meter groß, sie benützt deshalb die kürzesten Stäbe in der Weltelite. Aber die nächsten müssen 4,33 Meter lang sein, obwohl man für die mehr Kraft benötigt, sonst wird es verdammt schwer mit Leistungssteigerungen. 4,80 Meter ist die 29-Jährige in Daegu gesprungen, sehr beachtlich mit so kurzen Stäben.

Die Rivalinnen haben ganz andere Längen. „Frau Spiegelburg“ zum Beispiel. „Die Frau Spiegelburg“ springt mit 4,60-Meter-Stäben. Damit wurde sie in Daegu freilich mit 4,65 Metern nur Neunte. Martina Strutz sagt sehr bewusst „Frau Spiegelburg“, nicht hämisch, nicht spöttisch, aber doch so, dass klar ist, dass die beiden sich nicht viel zu sagen haben. Spiegelburg war lange die deutsche Hoffnungsträgerin; wenn eine den deutschen Rekord, die 4,77 Meter von Annika Becker von 2002, verbessern kann, dann Spiegelburg, sagten Experten.

Den Rekord verbesserte dann Martina Strutz.

Im Juli in Karlsruhe sprang die angehende Polizistin 4,78 Meter. Seither hat Spiegelburg eine unerwartete Rivalin. Heute beim Istaf (12 Uhr, Olympiastadion) treffen beide wieder aufeinander, gut möglich, dass Spiegelburg gewinnt. Strutz ist am Donnerstag in Zürich schon bei 4,42 Meter gescheitert, weil die WM-Spannung weg war und die Achillesfersen schmerzten. „Ich hoffe trotzdem, dass beim Istaf etwas läuft“, sagt sie.

Und wenn nicht, auch nicht so schlimm. WM-Silber hat sie bereits. Ihr Triumph ist fast zwei Wochen alt, aber es ist fast rührend, wie die 29-Jährige immer noch über diesen Auftritt redet. Weil sie es immer noch nicht so richtig begreifen kann. Auf der Anzeigentafel in Daegu stand sie dauernd als Führende, selbst bei 4,80 Meter, „das hat mich schockiert“. Aber „zum Glück“, Martina Strutz sagt wirklich „zum Glück“, überquerte die Brasilianerin Fabiana Murer, „auch noch 4,80 Meter.“ Und dann sogar noch 4,85 Meter. Das bedeutete Gold.

Martina Strutz, die 2010 in der Unauffälligkeit dümpelte, fühlt sich jetzt durchaus angenommen in der internationalen Weltklasse. Konkurrentinnen haben nett gratuliert, schon nach ihren 4,78 Metern hätten sich einige Gegnerinnen mit ihr gefreut. Jene, „die meine Leidenszeit mitbekommen haben“. Die noch eine moppelige Springerin kannten, die zu schwer für gute Höhen war. Zum Jahresende 2010 hatte ihr Ausrüster auch noch den Vertrag gekündigt, sie startete monatelang mit dem, was ihr gerade gefiel. Erst nach den deutschen Meisterschaften, bei denen sie den Titel gewann, durfte sie bei einem anderen Ausrüster unterschreiben.

Aber mit 4,80 Meter hat sie auch Maßstäbe gesetzt, sie überquerte 2011 regelmäßig gute Höhen, es ist klar, dass dieses Silber kein bemerkenswerter Ausrutscher ist. Fünf Meter sind jetzt so eine Marke, die im Raum steht. Fünf Meter sind eine enorme Herausforderung, auch schon psychisch. Symbolträchtige Ziele können lähmen. Der Diskuswerfer Robert Harting arbeitet sich seit Jahren mit enormem Frust an der 70-Meter-Marke ab. Deshalb ist Strutz auch zurückhaltend bei diesem Ziel. „Das ist schwierig zu erreichen“, sagt sie vorsichtig. „Aber technisch habe ich noch Reserven.“

Heute rückt sie wieder mit 4,25-Meter-Stäben an. Und mit ihrem Halstuch, das Geschenk einer Freundin. Sie hatte es schon in Daegu dabei, „man kann sich so schön drin verstecken oder reinheulen“. Beides blieb ihr erspart, und heute gibt’s weder Grund zum Heulen noch zum Verstecken, egal wie hoch sie springt. Aber vielleicht winkt sie damit ihren Fans zu. Sie wird schon darauf achten, dass Silke Spiegelburg nicht auf die Idee kommen wird, sie könnte auch gemeint sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben