Sport : Härter ran

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Von Ernst Podeswa

Berlin. Im vergangenen Jahr hatte Markus Schur die Geschichte mit den anderthalb Millionen Ballschlägen erzählt. Auf die Frage, weshalb Profi-Tennisspielerinnen aus Osteuropa zunehmend und früher als in Deutschland in der Weltrangliste vorrücken, sagte der Damen-Bundestrainer: „Die haben mit 16 oder 17 Jahren etwa anderthalb Millionen Bälle mehr geschlagen als unsere Mädchen und sind in ihrer sportlichen Entwicklung dementsprechend weiter.“

Das hörte sich damals nicht besonders verheißungsvoll für die Zukunft im deutschen Damentennis an. Was hat sich in den zwölf Monaten seither getan? Etwas überraschend, still und leise hat sich Anke Huber zu Jahresbeginn von der Wettkampfbühne verabschiedet. Zwei aufstrebende Talente, Bianka Lamade und Martina Müller, konnten ihre ersten WTA-Turniere gewinnen. Und vor zwei Wochen gelang in Dresden mit der 29-jährigen Barbara Rittner in der Führungsrolle im Fedcup ein unerwarteter 3:2-Erfolg über Russland.

Gleich im Anschluss aber, beim WTA-Turnier in Hamburg, erreichte keine Vertreterin des Deutschen Tennis Bundes (DTB) die Runde der letzten acht. Hat der Sieg über die Russinnen etwas vorgegaukelt? Nein, sagt Schur: „Wir haben im Fedcup den für uns günstigeren Sandplatz gewählt und den besseren Einzelspielerinnen der Gäste Unterstützung des Publikums, Teamgeist und Siegeswille entgegengesetzt.“ Und das Abschneiden in Hamburg sei nicht als Einbruch zu werten: „Wir hatten sechs Spielerinnen im Hauptfeld. Und um ins Viertelfinale zu kommen, hätte man Top-15-Etablierte schlagen müssen.“ Das gelänge dann und wann, aber nicht regelmäßig.

Mit gegenwärtig sieben Spielerinnen unter den besten 100 der Welt sei die Ausgangsposition für die DTB-Spitze so schlecht nicht. Wobei allerdings zu berücksichtigen sei, dass die Leistungshierarchie bei den Frauen viel stärker strukturiert sei als bei den Männern: „Wir haben bei den Damen die Top Ten. Dann folgt schon mit Abstand eine Gruppe von etwa 15 Spielerinnen und dahinter der Rest.“ Schur hat beobachtet, dass die Frauen in ihrem sportlichen Wettstreit die bestehenden Hierarchien stärker akzeptieren. „Sie wollen sich beispielsweise gegen eine Top-20-Spielerin vor allem gut aus der Affäre ziehen und haben zu selten das aggressive Selbstbewusstsein ihrer Kollegen, die in dieser Situation meistens sagen: Hey Mann, den Typen mach ich jetzt um.“

Erkennbar sei eine solche Einstellung aber vor allem bei der neuen nationalen Nummer eins, Martina Müller, mit einer Position um Platz 50 herum, und ihrer mit 1,84 m fast 20 Zentimeter größeren Kollegin Bianka Lamade. Sie sind derzeit 19 Jahre alt und haben mit den Turniererfolgen in Budapest und Taschkent international ihre ersten Achtungszeichen gesetzt. „Beide haben das Potenzial für den Weg nach oben, brauchen aber, weil sie später in den Profibetrieb eingestiegen sind, noch Wettkampferfahrung“, sagt der Bundestrainer. Erst mit 21, 22 Jahren würde sich erweisen, „wie weit die Reise in die Spitze gehen kann". Und er wiederholt die Mahnung, man dürfe die jetzige Generation nicht an der „Jahrhundertsportlerin Graf und der Top-4-Spielerin Huber“ messen.

Und was den Nachteil von Millionen fehlender Ballkontakte angehe, so sieht Schur mittlerweile Möglichkeiten, dieses Manko anderweitig zu kompensieren: „Wir sehen häufig bei früh auf die Profilaufbahn gedrillten Mädchen eine gewisse Monotonie ihres Spiels: fast nur druckvoll von der Grundlinie.“ Und so konzentrieren sich er und seine Kollegen auf ein technisch und taktisch vielseitigeres Spiel: mal den Ball lang, mal kurz, mal hoch, mal flach und dann im rechten Moment zum Netz. Martina Müller und Co. werden in dieser Woche bei den German Open zeigen, ob ihr Spielwitz gegen die Weltelite bereits ausreicht.

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