Sport : Häuptling ohne Indianer

Stefan Liwocha

Los Angeles. Es ist die Höchststrafe, wenn Michael Jordan im Spiel seine Arme auf die Hüften stützt, den Kopf zur Seite neigt und einen Mitspieler mit finsterem Blick trifft. Der Zorn eines Basketball-Gottes kann brutal sein. Nach dem 75:94 der Washington Wizards bei den Cleveland Cavaliers, immerhin der zehnten Niederlage im 13. Saisonspiel, reichte der bloße Augenkontakt als Strafe allein nicht mehr aus. Michael Jordan legte plötzlich verbal nach und nahm die ganze Mannschaft unter Beschuss. "Wir sind sauschlecht", schimpfte Jordan und legte gekränkt nach: "Ich sehe niemanden, der mir Rückendeckung gibt. Aber ein jeder erwartet Rückendeckung von mir. Die Kerle sind jung genug, um sich wenigstens anzustrengen."

Es war eine schöne Illusion. Michael Jordan steigt nach dreijähriger Pause von seinem Denkmal herab, fliegt wieder unter den Körben Nordamerikas umher und führt die Washington Wizards in die Play-offs. Doch im wahren Leben führt Hollywood eben nicht Regie, und so kommt es, dass der Protagonist plötzlich Zweifel hegt. "Es ist frustrierend", sagt der große Michael Jeffrey Jordan, der dieser Tage allzu menschlich klingt: "Ich versuche alles, um uns mit einem Lächeln aus der Krise zu führen." Der Zauber der Washington Wizards ist nach nur einem Monat verflogen. Millionen Fans leiden plötzlich mit ihrem Idol.

Natürlich ist der wohl beste Basketballer aller Zeiten, der in den Neunzigerjahren sechs Titel mit den Chicago Bulls gewann, in der NBA immer noch das Maß aller Dinge. Der "Monarch von Washington" (Sports Illustrated) unterhält wie damals in Chicago einen kleinen Hofstaat. Mit persönlichen Physiotherapeuten und Leibwächtern. Wenn die Mannschaft nach einer Partie abends zum Italiener essen geht, muss "Seine Airness" passen. Aus Angst vor Autogrammjäger-Horden. Den Medien hingegen stellt sich der prominente Rückkehrer, auch wenn er dazu immer weniger Lust verspürt. Denn auf die vielen Fragen weiß auch er diesmal keine Antworten. Nur so viel. "Ich werfe ohne den alten Rhythmus und das Selbstvertrauen", meint ein selbstkritischer Jordan, "und das ärgert mich. Alles dauert länger, als ich dachte."

Im Heimspiel gegen die Seattle SuperSonics verfehlten vor kurzem gleich seine ersten 14 Würfe den gegnerischen Korb. Als Jordan vier Minuten vor Ende des dritten Viertels endlich die ersten beiden Punkte aus dem Feld gelangen, feierten ihn die Fans mit Ovationen. Der donnernde Applaus muss wie Hohn auf den Mega-Ehrgeizling gewirkt haben. Jordan schüttelte im Schlussviertel nur mit dem Kopf und begleitete seine weiteren Fehlversuche mit einem notgedrungenen Lächeln. "Das war wohl eine der schlimmsten Nächte meiner Karriere", sagte der 38-Jährige, der nur fünf von 26 Würfen verwandelte und am Ende mit 16 Punkten die schlechteste Ausbeute seit seinem Comeback am 30. Oktober verbuchte.

Der Trophäenjäger von einst muss plötzlich mit Negativ-Rekorden leben. Seine Wurfquote von nur 40 Prozent ist die niedrigste seiner Karriere. Und acht Niederlagen in Folge musste er auch noch nie hinnehmen. Doch es scheint, als müsse sich Jordan nach einem viel versprechenden Saisonstart mit dem Team der Namenlosen an Niederlagen gewöhnen. "Ich verstehe es einfach nicht", klagte Wizard-Coach Doug Collins, "im Training haben wir mehr Energie als im Spiel. Ich sage der Mannschaft immer, egal, ob wir gewinnen oder verlieren, wir müssen wenigstens kämpfen. Die letzten Spiele haben wir noch nicht einmal das getan." Noch stehen 68 Spieltage bevor. Mit ausverkauften Hallen und erwartungsvollen Fans. "Zweimal im Monat kassieren die Spieler Gehalt, und mit dem Scheck kommen Verantwortung und die Erwartung einer vorbildlichen Arbeitsmoral", sagt Jordan. "Wenn sie dazu nicht bereit sind, sollen sie ihr Geld zurückgeben, aufs College gehen oder irgendetwas anderes tun."

Die Standpauke zeigte am Mittwochabend bereits erste Wirkung. Beim Vizemeister Philadelphia 76ers stoppten die Wizards ihre Talfahrt und gewannen mit 94:87. Neben Jordan (30 Punkte) überzeugte auch Richard Hamilton (28 Punkte). Philadelphias Jungstar Allen Iverson erzielte zwar 40 Punkte, doch am Ende lächelte der Altmeister. "Darauf können wir aufbauen", lobte Michael Jordan, "wir haben solide und hart gespielt. Es ist wichtig, diese Leistung jeden Abend zu wiederholen."

Und wenn sich die Kollegen nicht daran halten, dann werden sie ihn wieder zu spüren bekommen - den Zorn eines Basketball-Gottes.

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