Sport : Halb gefeiert, halb gewonnen

Trainer Thomas Schaaf hat Werder zur Herbstmeisterschaft geführt – aber jetzt wollen sie in Bremen auch den richtigen Titel

Olaf Dorow

Bremen. Werders Sportdirektor Klaus Allofs hatte nach dem Spiel zur Pressekonferenz Champagner mitgebracht. Im Plastikbecher und auch nur ein bisschen. Das passte. Wie das Richtfest auch. Alles halb fertig in Bremen. Die Nordgerade des Weserstadions wird gerade umgebaut, sie ist jetzt halb fertig, am Dienstag war Richtfest. Kurz darauf fertigte Werder Bremen seinen Gast Hansa Rostock in der Fußball-Bundesliga 3:0 ab. Werder ist auch erst auf halbem Weg zum Ziel. Das Ziel ist der Meistertitel. Seit Dienstag ist es immerhin schon die Herbstmeisterschaft. Aber immer mehr Fans glauben: Wenn im Sommer die Nordgerade fertig ist, feiert Bremen zugleich den Titelgewinn.

Und Allofs entdeckte gerade „eine Siegermentalität, die das Team zuvor nicht hatte“. In den vergangenen beiden Jahren, konkret gesagt. Es verhielt sich jeweils so, dass die Bremer a) eine Hinrunde lang die Republik mit flüssigem Kombinationsfußball erfreuten, b) von Champions League, Madrid, Mailand, Manchester träumten und c) in der Rückrunde einbrachen.

Aber jetzt soll alles anderes werden. Laut Statistik wurde in 40 Jahren Bundesliga 27-mal der Herbstmeister später auch Meister. Und die aktuelle Werder-Mannschaft ist ein Herbstmeister der Superlative. Mit dem stärksten Mittelfeld, dem stärksten Defensivspieler (Ernst), dem stärksten Offensivspieler (Micoud). Sowie mit Ailton, dem aufgewecktesten Stürmer der Saison, Bilanz: 16 Tore. Werders Trainer Thomas Schaaf ertüftelte ein sehr stimmiges System: Hinten eine Viererkette, in der Mitte eine Art Raute, vorn ein schneller Stürmer und weitere gute Leute (Klasnic und Charisteas). Ein Werder-Fan schrieb an eine Bremer Zeitung, er fühle sich an den Stil erinnert, den Johan Cruyff dem FC Barcelona beigebracht hatte, und weil der Cruyff ja ein König gewesen sei, hob der Leser Schaaf auch in diesen Rang.

Aber Schaaf, der Bodenständige, ließ den für ihn bestimmten purpurnen Mantel in der Kabine hängen, als die Werder-Profis nach dem Sieg gegen Rostock im weihnachtlichen Kostüm eine Ehrenrunde drehten. Vor allem aber: Schaaf ruht in sich. Es passt. Offenbar ist es kein Nachteil, dass er Werder nie verlassen hatte, 31 Jahre lang nicht. Zu Saisonbeginn präsentierte er folgende Verstärkungen: einen Torhüter aus der zweiten spanischen Liga, einen Verteidiger, der in Frankreich als schwierig galt, und einen Mittelfeldspieler, der wegen einer angeblichen Schlägerei mit türkischen Reportern prozessierte. Das Trio Reinke, Ismaël und Davala ergänzte dann sofort das Stammpersonal, verlieh dem Team eine hohe Robustheit – und ließ nebenbei einen neuen Geist einziehen. Auf einen Schlag waren noch drei andere da, die so sprachen, dachten und auftraten wie Regisseur Johan Micoud. Der hatte einst gefragt, ob es gesetzlich festgeschrieben sei, dass Werder immer hinter Bayern und Dortmund bleiben müsse. So verlor das Wort Meisterschaft seine Aura. Als im Trainingslager im Juli ein Fragebogen herumgereicht wurde, hatten am Ende sieben Spieler Werder als Meister-Tipp angegeben.

Allofs sagte launig: „Ich bin zwar überhaupt kein Mützentyp, aber wenn wir am Ende Meister werden, dann trage ich auch die Bommel-Mütze Marke Uli Hoeneß. Einzige Bedingung: Sie muss grün-weiß sein.“ Es kann nicht nur der Champagner gewesen sein, der ihn zu diesem Versprechen trieb.

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