Sport : Halb so schlimm

Der italienische Manipulationsskandal wird zu einer Bagatelle abgeschwächt – nur Juventus Turin muss absteigen, Milan darf in die Champions League

Vincenzo delle Donne[Rom]

Mit sicherer Stimme sprach Richter Piero Sandulli das aus, was Experten als versteckte Amnestie interpretieren. Im feudalen Kongressraum des Hotels „Parco dei Principi“ verwandelte sich der „größte Skandal der Fußballgeschichte“, wie Fifa-Präsident Joseph Blatter unlängst geurteilt hatte, in eine Bagatellgeschichte. Allein Juventus Turin muss wirklich für die Spielmanipulationen büßen, aber auch das nicht einmal richtig. Denn das Berufungsgericht verbannte Juventus zwar in die zweite Liga, reduzierte jedoch die Punktabzüge aus dem Urteil der ersten Instanz. Aus 30 Punkten wurden schließlich 17. Darüber hinaus werden dem italienischen Rekordmeister die Meisterschaften der Saisons 2004/2005 und 2005/2006 aberkannt. Vermutlich wird Inter Mailand zum neuen Italienischen Meister erklärt.

Die anderen angeklagten Klubs, der AC Florenz, Lazio Rom und der AC Mailand, erhielten indes lediglich Punktabzüge für die kommende Saison. Die noch in der ersten Instanz verhängten Zwangsabstiege gegen Florenz und Lazio wurden aufgehoben; Florenz bekommt in der kommenden Saison einen 17-Punkte-Abzug, Lazio Rom 11 und der AC Milan gar nur 8. Der Klub des früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi darf nun sogar an der kommenden Champions-League- Qualifikationsrunde teilnehmen. „Milan geht als Triumphator aus diesem Prozess hervor“, kommentierte die Mailänder „Gazzetta dello Sport“ entrüstet.

Einen entscheidenden Anteil daran hatte Berlusconi selbst. Die Verteidigung des Mailänder Traditionsklubs hatte im Vorfeld des Urteils geschickt Interviews lanciert, in denen er sich wieder einmal als Opfer einer Verschwörung wähnte. Statt Milan hätte nach dem ersten Urteil der US Palermo an der Champions-League-Qualifikation teilnehmen dürfen. „Es ist ein lächerliches Urteil“, kommentierte Palermos Präsident Maurizio Zamparini. Seinem Klub entgehen dadurch Einnahmen von rund 12 Millionen Euro.

Bei den betroffenen Vereinsfunktionären und bei den Tifosi herrschte unterdessen Erleichterung über das Urteil, vor allem die Klubvertreter zeigten sich aber noch immer nicht vollständig zufrieden. Die Milan-Führung sah einen Justizirrtum und der Ehrenpräsident des AC Florenz, Diego Della Valle, beharrte: „Wir wollen, dass wir unsere Teilnahme an der Champions-League-Qualifikation zurückerhalten.“ Auch Lazio Roms Präsident Claudio Lotito kam zu dem Schluss: „Ich bin unzufrieden mit dem Urteil.“

Weitaus mehr Grund zur Unzufriedenheit hätten die Verantwortlichen von Juventus Turin gehabt, dem Zentrum der Manipulationen. Zum ersten Mal in seiner 109-jährigen Geschichte muss der Verein in die Zweitklassigkeit. Die gesamte Führung des börsennotierten Klubs wurde inzwischen ausgewechselt. Man zeigte Kooperationsbereitschaft, was eine „interne Säuberungsaktion“ anging. Die wirklichen Verlierer allerdings hatten nichts mit Fußball zu tun. Die Arbeit des Chefanklägers Stefano Palazzi, der bis zum Schluss noch härtere Strafen gefordert hatte, und des Chefermittlers Francesco Saverio Borrelli wurde mit dem Berufungsurteil lächerlich gemacht. Sie hatte aufgrund von Abhörprotokollen zweifelsfrei bewiesen, dass die Klubs mit Hilfe von gefügigen Schiedsrichtern unzählige Spiele manipuliert hatten.

Um dem Land des derzeitigen Fußball-Weltmeisters noch ein wenig Zeit zu geben, seine internen Angelegenheiten in den Griff zu bekommen, hatte der europäische Fußballverband Uefa sogar die Nominierungsfrist für die internationalen Klubwettbewerbe um einen Tag verlängert. Ob das reichen wird? Lazio Rom und der AC Florenz haben bereits angekündigt, vor ein ordentliches Gericht ziehen zu wollen.

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