Sport : Halbe Kraft voraus

Misserfolg, Streitereien und Entlassungen trüben die deutsche Segel-Kampagne für den America’s Cup

Sina Steinmann[Malmö]

Am 29.April um 12 Uhr 30 waren sie noch zu sechst. Im Seglerhaus am Wannsee in Berlin feierten die Verantwortlichen des „United Internet Team Germany“ die erfolgreiche Anmeldung für den America’s Cup 2007 in Valencia. Unter Beifallsstürmen umarmten sich die Helden der Stunde minutenlang und zeigten stolz das Papier aus Valencia in die Kameras. Nun sind sie nur noch zu viert.

Am vergangenen Sonntag hat Teamchef Uwe Sasse den Sportdirektor Andreas John ohne Vorwarnung mit sofortiger Wirkung beurlaubt. Im Anschluss musste auch der Pressesprecher Andreas Kling gehen. Im Führungsteam verbleiben neben Sasse nun nur noch der Kommodore Willy Kuhweide, Hauptsponsor Ralph Dommermuth und der dänische Skipper Jesper Bank. Die Segler erfuhren erst von der Personalentscheidung, als sie nach zwei Niederlagen am Sonntag am späten Nachmittag vor Malmö in Richtung Hafen segelten. Sasse war ihnen entgegengefahren. Doch obwohl sich unter den Seglern Betroffenheit ausbreitete, wagte niemand, Kritik zu üben. Die Regeln scheinen klar im neuen Team: Wer meckert, der fliegt.

So geschehen im Fall Markus Wieser, der im Juni in Valencia kein Vertragsangebot erhielt, obwohl ihm zuvor die Position als Taktiker versprochen worden war. Mit kritischen Worten hatte er sich überflüssig gemacht. Er hätte seine Kritik nicht vor laufenden ZDF-Kameras üben müssen, lautete später ein Vorwurf. Doch die Teamleitung hatte das Thema an diesem Tag mit einem unangekündigten Vertragsangebot an die Segler selber gesetzt.

Während die Segler gestern beim Louis Vuitton Act 6 auf dem Öresund einen Siegpunkt von Südafrika geschenkt bekamen, weil auf der Shosholoza die alte Führungsschiene für das Großsegel erneut brach, versucht das Management an Land, die Entscheidung zu erläutern. „Wir sind hier nicht der Gesangsverein von Montabaur, sondern im Profisport“, sagte der Hauptsponsor Ralph Dommermuth, der in Montabaur wohnt. „Wir sind der Meinung, dass Herr John seinen Posten nicht richtig ausgefüllt hat.“ Einzig Willi Kuhweide, Kommodore des Deutschen Challenger Yacht-Clubs, wagte die Entscheidung in einem ARD-Interview laut zu hinterfragen: „John war nur ein Bauernopfer, wir müssen der Sache auf den Grund gehen.“ Auch Yacht-Club-Vizepräsident Gunter Persiehl hielt sich nicht zurück: „Ich bin über die Vorgänge hochgradig entsetzt, über die ich nicht informiert war. Wenn das so weitergeht, trete ich zurück. Ich lasse meinen Ruf nicht beschädigen.“

Man kann davon ausgehen, dass weitere Personalentscheidungen folgen werden. Gesucht werden ein neuer Sportchef und ein neuer Teamchef, denn der umstrittene amtierende Teamchef Uwe Sasse will sich bis Ende des Jahres von seinem Posten als Vorstandsvorsitzender zurückziehen und sich seinen Aufgaben als Gesellschafter der Deutschen Challenge AG widmen. Möglicherweise gibt es sogar eine Lösung, die beide Funktionen in Personalunion verbindet, womöglich Willi Kuhweide selber? Dommermuth und Sasse wollen allerdings keine Namen nennen. Als Erstes muss die Mannschaft schnell wieder Vertrauen zu ihre Teamleitung fassen.

Nach all den negativen Schlagzeilen gab es am Montag aber auch Grund zu echter Freude: Christian Buck, der am Freitag bei Arbeiten im Mast den Halt verloren hatte, mehrfach gegen das Rigg geschleudert war und sich dabei das Jochbein gebrochen hatte, ist auf dem Weg der Besserung. Ein kleines Wunder, angesichts der dramatischen Szenen, die Segler und Zuschauer mit angesehen hatten.

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