Halbfinale im EM-Quartier : Heimspiel mit Außenminister

So war der Abend im EM-Quartier von 11 Freunde und Tagesspiegel an der Treptower Arena in Berlin.

Christian Tretbar
Steinmeier
Kurvendiskussion. Außenminister Frank-Walter Steinmeier im Gespräch mit dem Dramatiker und Tagesspiegel-Autor Moritz Rinke (ganz...Foto: Thilo Rückeis

Vor dem Spiel ist der türkische Block mit Abstand am lautesten. 100 bis 200 Türken haben sich die Plätze direkt vor der Leinwand im 11Freunde-EM-Quartier gesichert – sie waren rechtzeitig da. Andere Fans hatten weniger Glück, 45 Minuten vor dem Anpfiff wird das Gelände am Fuhrpark wegen Überfüllung geschlossen. Für den Außenminister ist gerade noch ein Plätzchen übrig: Frank-Walter Steinmeier schiebt sich durch die Menge. Diesmal ohne die schwarz-rot-goldene Krawatte, die er im Ernst-Happel-Stadion zu Wien beim Vorrundenspiel gegen Österreich getragen hatte. Dafür hat Steinmeier heute die obersten Knöpfe seines weißen Hemdes geöffnet, dem warmen Wetter und der ausgelassen Atmosphäre angemessen. Steinmeier muss unzählige Hände schütteln, Autogramme geben, für Fotos posieren. Wann guckt man schon einmal Fußball mit dem Außenminister? Auch die türkischen Fans unter den 1500 Gästen wollen Bilder mit ihm, obwohl er auf einen 3:1-Sieg der Deutschen getippt hat. Aber von Rivalität oder Konfrontation ist im EM-Quartier nichts zu spüren. Dann lässt er sich zwischen Tagesspiegel-Autor Moritz Rinke und Schauspieler Aydan Maral nieder.

Als die Mannschaften aufs Feld kommen und deutsche Hymne erklingt, singen alle mit. Auch die türkische Gruppe, die sich in eine riesengroße rote Fahne gehüllt hat. Sie heißt sogar einen einzelnen Fan im Deutschlandtrikot in ihrer Mitte willkommen. MTV–Moderator Markus Kavka muss sich von der versammelten Expertengemeinde auslachen lassen, weil er vor der EM ernsthaft Österreich als Europameister getippt hat. Kavka gibt Joachim Löws Mannschaft den Rat, bis zur Pause mindestens 5:0 zu führen. Die Fähigkeit der Türken, eigentlich verlorene Spiele noch zu drehen, ist auch ihm nicht entgangen. In der Halle wabern „Türkiye“- und „Deutschland“-Rufe zwischen den beiden Tribünen hin und her. Viele Fans haben sich dafür entschieden, kurzerhand beide Fahnen mitzubringen. Die ersten Spielminuten überraschen alle: Türken, Deutsche, Deutschtürken und Turkodeutsche. Schnell wird bei der deutschen Fangemeinde kollektiv gehadert und geschimpft, wahlweise auf Jens Lehmann, die deutsche Abwehr oder alle zusammen. Beim verdienten 1:0 für die Türkei jubelt dann die kleine türkische Kolonie, verstärkt durch das eine oder andere Megaphon.

Als Podolski flankt und Schweinsteiger zum 1:1 trifft, löst sich die Anspannung der deutschen Fans in riesige Erleichterung aus, selbst der türkische Block zaubert ein paar schwarz-rot-goldene Fähnchen hervor und schwenkt fröhlich mit. Auch bei den Bildausfällen sind alle Anwesenden emotional vereint: Ein lautes Buhen begleitet die Radio-Einlagen von Béla Réthy, frenetischer Jubel heißt das Fernsehbild wieder willkommen. Und dann beginnt die verrückte letzte Viertelstunde.

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