Sport : Halbmond über Tel Aviv

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Von Charles A. Landsmann

Tel Aviv. Auch die israelischen Fußballfans fiebern mit bei der WM. Immerhin hat es ihr Team bis ins Halbfinale geschafft. Nein, nicht die israelische Nationalmannschaft, die ist wie üblich in der Qualifikation gescheitert. Brasilien bewundert man, über Südkorea wundert man sich, Deutschland mag man nicht, aber die Türkei . . . Kaum war die Vorrunde zu Ende, als die Fahnen-Hersteller einen Kollektionswechsel vornehmen mussten: Anstatt des eigenen Blau-weiß war auf einmal das türkische Rot mit Halbmond und Stern gefragt. Eine gute Investition, wie sich herausstellte, denn nach erfolgreichem Achtel- und Viertelfinale kommt die Flagge auf jeden Fall noch zweimal zum Einsatz.

Die Liebe zur Türkei hat vier Gründe: einen politischen, einen touristischen und zwei sportliche. Die Türkei ist – nach den USA – Israels bester politischer Freund, vor allem wegen gemeinsamer Manöver und Rüstungsgeschäfte. Seit einigen Jahren schon ziehen die Israelis die Türkei ihren eigenen Ausflugsorten für ein verlängertes Wochenende vor, weil es dort viel billiger ist als daheim. An Wochenenden sind schon mal bis zu 30 Sonderflüge ausgebucht. In der Türkei fühlt sich der Israeli zu Hause: Es geht in Istanbul genauso laut und heißblütig zu wie in Tel Aviv. In Ermangelung eigener großer Klubs kennen und schätzen die israelischen Fußballfans Stars der Istanbuler Vereine Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas.

Vor allem Fenerbahce vom asiatischen Teil Istanbuls haben sie ins Herz geschlossen. Israels bester Fußballer, Haim Revivo, führte Fenerbahce in dieser Saison zum Titel und wurde in der Türkei sogar zum Fußballer des Jahres gewählt. Er ist Liebling der Massen weil er keinen Autogrammwunsch ausschlägt, im Fernsehen türkische Schlager singt und kunstvolle Tore schießt.

Doch trotz aller Sympathie für die Türkei – die wirkliche Liebe der Israelis gilt einer Mannschaft, die es gar nicht in den Fernen Osten geschafft hat: Holland. Vor Beginn der WM musste der Israeli deshalb Ausschau halten nach einer neuen Geliebten. Natürlich mag man Brasilien, Argentinien hat eine lautstarke Lobby, und auch an Solidarität mit den afrikanischen Teams fehlt es nicht, schließlich leben zehntausende Nigerianer und Senegalesen meist illegal im Land.

Was die Antipathien betrifft, so erreichten die ihren Höhepunkt gleich zu Beginn der WM. In der ersten Runde gab es da ein Spiel, bei dem das israelische Herz gegen beide Teams schlug: Deutschland – Saudi-Arabien. Der deutliche 8:0-Sieg der Deutschen verunsicherte einige in ihrer Begründung für ihre Ablehnung von Völlers Mannschaft, doch die weiteren Spiele brachten alle wieder zur Besinnung: Angeblich sind nicht politisch-historische Motive schuld an der Antipathie, sondern allein die bescheidenen fußballerischen Leistungen.

Extra für die WM wurde den Totospielern ein neues Wettsystem angeboten. Es trägt den n „Winner“, und ein junger Mann aus Tel Aviv macht damit gerade das Geschäft seines Lebens. Seine Tipps vor WM-Beginn: Frankreich, Argentinien und Portugal scheiden in der Vorrunde aus, die Türkei und die Gastgeberländer kommen weiter, weder Spanien noch Italien schaffen es in die Halbfinals. Seine Voraussage für das Finale, abgegeben einen Monat vor der WM: Brasilien gewinnt gegen Deutschland.

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