Halbzeitbilanz : Deutsche Zehnkämpfer mit gutem ersten Tag

Es ist die Königsdiziplin der Leichtathletik. Zehn Wettkämpfe in zwei Tagen. Die deutschen Athleten liegen gut im Rennen, auch wenn der Kampf um die Medaillen - so sieht es nach dem ersten Tag aus - ohne sie ausgetragen wird. Pascal Behrenbruch steigerte sich im Verlauf des Tages. Es scheint, als hätte der sensible Zehnkämpfer diesmal seine Nerven im Griff.

Anke Myrrhe

Mittwoch, 1. Vormittag: 100 Meter, Weitsprung, Kugelstoßen



Nachdenklich saß Pascal Behrenbruch unter dem kleinen Glasdach am Rande der Kugelstoßanlage, die Ellenbogen auf die Knie gestützt. Der blonde Modellathlet sah aus, als wisse er nicht so recht, was er von diesem Zehnkampf bislang halten soll. Gerade hatte er die Kugel im zweiten Versuch 15,77 Meter weit gestoßen, das war die drittbeste Weite an diesem Tag. Doch Behrenbruch kann eigentlich viel mehr. „Die Kugel ärgert mich sehr“, sagte er später. „Über 16 Meter wollte ich unbedingt kommen.“

Damit hätte er noch einmal gut 50 Punkte mehr für die Gesamtwertung erhalten. So lag der Frankfurter nach drei Disziplinen mit 2550 Punkten nur auf Rang neun, ganz knapp vor Norman Müller mit 2541 Punkten. Für Moritz Cleve hießen 2461 Punkte zunächst Rang 18.

Behrenbruch gab sich dennoch kämpferisch: „Jetzt heißt es aufholen“, sagte er. „Schließlich ist es ein Zehnkampf, und da kommen noch einige Disziplinen.“ Nach den verletzungsbedingten Absagen von André Niklaus und Michael Schrader ist Behrenbruch zur Medaillenhoffnung Nummer eins im deutschen Team geworden. „Er hat das Zeug zu 8600 Punkten“, sagt Claus Marek, der Chef des Deutschen Zehnkampf-Teams, und Behrenbruch selbst hatte vor der WM selbstbewusst angekündigt: „Ich will eine Medaille.“ Zu den Favoriten in Berlin gehört er aber nicht.

Auch weil man nie genau weiß, ob der 24-Jährige seine Nerven in den Griff bekommt. Wenn es bei ihm einmal nicht läuft, dann wirft der Deutsche schon mal alles hin und gibt entnervt auf – wie bei der WM-Qualifikation in Ratingen Ende Juni. Für einen Zehnkämpfer ist das schon fast eine Beleidigung. Schließlich zählen sie zu den Härtesten innerhalb der Leichtathletik.

Doch in Berlin scheinen für Pascal Behrenbruch zumindest größere Katastrophen auszubleiben: Über 100 Meter lief er 10,92 Sekunden – nicht weit unter seiner Saisonbestleistung. Im Weitsprung erreichte er 7,09 Meter. Es war die erste Schlüsseldisziplin, denn beim Mehrkampf-Wettbewerb in Ratingen war er lediglich 6,87 Meter weit gesprungen. „Da wollte ich den Wettkampf am liebsten sofort abbrechen“, sagte er. „Das ist doch peinlich.“ Am Mittwoch aber gelang Behrenbruch der beste Sprung in dieser Saison, nur einen Zentimeter unter seiner persönlichen Bestleistung.

Auch die anderen deutschen Starter erwischten einen ordentlichen Einstieg in den Wettkampf. Moritz Cleve kam seinem Ziel, in Berlin eine neue persönliche Bestleistung aufzustellen, schon in den ersten drei Disziplinen näher: Der 22-Jährige rannte die 100 Meter in 11,06 Sekunden, so schnell wie nie zuvor, und schaffte im Weitsprung 7,27 Meter, ebenfalls persönliche Bestleistung. Er freute sich bei seiner ersten WM vor allem darüber, dass er nicht allzu nervös geworden war. „Ich bin glücklich, dass ich mit dem Publikum und dem Stadion zurechtkomme“, sagte Cleve. „Es ist ja nicht normal, dass mir so viele zujubeln.“

Etwas enttäuscht war hingegen Norman Müller. Er blieb in 11,01 Sekunden über 100 Meter hinter den Erwartungen zurück. Dafür lieferte er den besten Weitsprung der drei deutschen Zehnkämpfer ab: 7,35 Meter. Trotzdem war Müller nicht ganz zufrieden, denn er weiß, dass er rund 20 Zentimeter weiter springen kann.

Als großer Favorit zeichnete sich am Ende des ersten Halbtags des zwei Tage dauernden Zehnkampfes der US-Amerikaner Trey Hardee ab. Er verbesserte sowohl im Weitsprung seine persönliche Bestleistung auf 7,83 Meter als auch im Kugelstoßen um beinahe einen Meter auf 15,33 Meter. Mit 10,45 Sekunden war er außerdem der schnellste über die 100 Meter. Und führte damit die Gesamtwertung souverän mit 2814 Punkten an.

Der Abstand von Pascal Behrenbruch auf den derzeit drittplatzierten Alexandr Pogorelov betrug allerdings nur 145 Punkte. Er verwies dann auch auf Jennifer Oeser, die am Sonntag Silber im Siebenkampf gewonnen hatte. „Sie lag am Anfang auch nicht so gut“, sagte Behrenbruch und verschwand dann schnell in den Katakomben des Olympiastadions.

Mittwoch, der 1. Abend: Hochsprung und 400 Meter

"Ihr seid einfach geil", brüllte Pascal Behrenbruch um 22:15 Uhr ins Mikrofon des Berliner Olympiastadions. Er hatte gerade einen super Start im 400 Meter-Laufs erlebt und war am Ende nicht eingebrochen. 48,72 Sekunden, das war eine neue Jahresbestleistung für den Frankfurter.

Trotzdem reichte es im dritten Versuch über 2,02 Meter gesprungen. Und trotz der Platzierung sichtlich zufrieden.

Doch der Medaillenkampf wird wohl ohne Pascal Behrenbruch und die anderen deutschen Zehnkämpfer ausgetragen: Norman Müller liegt nach dem ersten Tag nur 13 Punkte hinter Behrenbruch auf dem zwölften Platz, Motiz Cleve enttäuschte sich selbst im Hochsprung. Er hatte seine eigene persönliche Bestleistung von 1,95 Metern übertreffen wollen, es reichte jedoch trotz frenetischer Anfeuerung der rund 30 000 Fans im Olympiastadion nur für 1,87 Meter. Am Ende des Tages stand lediglich Platz 23 für ihn auf dem Tableau.

Mit dem schnellsten 400-Meter-Rennen in der Geschichte der WM hat sich der Kubaner Yunior Diaz auf den zweiten Rang des Gesamtklassements vorgeschoben. Ganze 1001 Punkte erhielt er dafür und konnte somit am Ende des ersten Tages 4512 Punkte verbuchen, nur einen Punkt mehr als der Trey Hardee, der auf den dritten Platz zurückfiel. Knapp vor den beiden führt nach dem erstent Tag der Ukrainer Oleksiy Kasyanov mit 4555 Punkten. Er übersprang im Hochsprung 2,05 Meter und erreichte mit 48,34 eine gute 400-Meter-Zeit.

Der zweite und letzte Tag der "Königsdiziplin der Leichtathletik" beginnt am Donnerstag mit den 110 Meter Hürden gefolgt vom Diskuswurf und dem Stabhochsprung. Am Abend beenden die Zehnkämpfer ihren Wettkampf mit dem Speerwurf und den abschließenden 1500 Metern, der vom Großteil der Decathleten am meisten gehassten Disziplin.

Eines ist sicher: Auch der Abschlusstag der Zehnkämpfer wird viel Spannung und einen offenen Wettkampf bringen.

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