Sport : Hallen-Leichtathletik-WM: Freudenschreie und steinerne Miene

Jan Fitschen durfte nicht, Charles Friedek konnte nicht: Zum Auftakt der Hallen-Weltmeisterschaften in Lissabon erlebte die deutsche Leichtathletik einen "schwarzen" ersten Tag. Einzig Fünfkämpferin Karin Ertl (Fürth/München) sorgte mit dem Gewinn der Bronzemedaille für ein wenig Glanz im DLV-Team. Die Hallen-Europameisterin des Vorjahres musste sich mit 4678 Punkten lediglich der Weißrussin Natalja Sasanowitsch (4850) und Jelena Prochorowa aus Russland (4711) geschlagen geben. Sabine Braun (Wattenscheid) wurde mit 4646 Punkten Fünfte.

Und dann plauderte Ertl locker drauflos, während Sabine Braun stand mit versteinerter Miene Rede und Antwort stand. Die Rollen im deutschen Frauen-Mehrkampf waren neu verteilt: Bronze-Gewinnerin Ertl durfte sich als Siegerin fühlen, für Braun kam Platz fünf einer Niederlage gleich. "Es ist das erste Mal, dass ich bei einer internationalen Meisterschaft gegen eine Deutsche verloren habe", stellte die zweimalige Siebenkampf-Weltmeisterin aus Wattenscheid frustriert fest.

Die Wachablösung vollzieht sich schleichend, aber kontinuierlich. Im Vorjahr büßte Braun, die 15 Jahre lang die nationale Szenerie bestimmt hatte, durch die Niederlage gegen Astrid Retzke bei der Olympia-Qualifikation in Ratingen ihren Nimbus der Unbesiegbarkeit in Deutschland ein. Nun musste die mittlerweile 35 Jahre alte Olympia- Fünfte von Sydney ihrer neun Jahre jüngeren Konkurrentin aus Bayern bei der WM den Vortritt und die erhoffte Medaille lassen.

Für Ertl war der Gewinn des Edelmetalls Grund zur ausgelassenen Freude. "Auf dieses Ergebnis bin ich stolz, denn das Feld war sehr stark besetzt." Mit 4678 Punkten stellte die Hallen-Europameisterin des Vorjahres eine persönliche Bestleistung auf und lag damit um 32 Zähler vor Braun. "Endlich konnte ich mal das Feld von hinten aufrollen. Das freut mich am meisten", meinte strahlend Ertl, die den Start in der ersten Disziplin 60 m Hürden "total verschlafen" hatte. Am Ende aber gab es zur Belohnung 10000 Dollar, die sie "nicht verprassen, sondern gut anlegen" will.

Dass es in Lissabon relativ rund lief, überraschte die Olympia-Siebte selbst ein wenig. Nach einem Innenbandanriss im rechten Fuß hatte sie sich nach Sydney eine längere Auszeit gegönnt und war erst Ende November wieder ins Training eingestiegen. "Es war ein schwerer Anfang", berichtete Ertl. Ihr Fuß sei immer noch nicht stabil.

Der Auftakt der dreitägigen Veranstaltung stand für die deutschen Athleten ansonsten unter keinem guten Stern. Zunächst verwehrte der Leichtathletik-Weltverband IAAF dem Wattenscheider Jan Fitschen die Teilnahme an den 8. Titelkämpfen, dann endete die Mission Titelverteidigung von Dreispringer Charles Friedek mit einem frustrierenden vierten Rang. Da auch Yvonne Buschbaum (Stuttgart) mit Platz sechs im Stabhochsprung weit hinter ihren Möglichkeiten blieb, blickte DLV-Präsident Helmut Digel entsprechend unglücklich drein.

Wenig Grund zur Freude hatte Friedek. Der 29 Jahre alte Leverkusener verließ kommentarlos die Wettkampfstätte. Dank der neuen Prämienregelung des Weltverbandes IAAF konnte er sich zumindest mit 8000 Dollar trösten. Im letzten Durchgang hatte Olympiasieger Jonathan Edwards mit seinem Silber-Sprung von 17,26 m dem Leverkusener die schon sicher geglaubte Medaille weggeschnappt. Den Titel sicherte sich der Italiener Paolo Camossi mit 17,32 m.

Die 40000 Dollar WM-Prämie strichen auch Kajsa Bergqvist (Schweden) mit 2,00 m im Hochsprung, die Amerikaner Anjanette Kirkland in 7,85 Sekunden und Terrence Trammell in 7,51 Sekunden über 60 m Hürden, John Godina mit 20,82 m im Kugelstoßen sowie Pavla Hamackova (Tschechien) mit 4,56 m im Stabhochsprung ein.

Gar nicht erst starten durfte Jan Fitschen. Auf einer außerordentlichen Sitzung beschloss das Council in der Nacht zum Freitag, die Sperre gegen den 3000-m-Läufer aus Wattenscheid nicht aufzuheben. "Ich weiß nicht, warum die Entscheidung so gefällt wurde", sagte der tief enttäuschte Fitschen, der nach einer unruhigen Nacht morgens um sechs Uhr die Hiobsbotschaft erhalten hatte. Von der vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) eingeräumten Möglichkeit, seinen Start per Einstweiliger Verfügung einzuklagen, wollte der Athlet keinen Gebrauch machen. "Es steht ja nicht einmal die Dauer meiner Sperre fest. In dieser Situation gerichtlich gegen die IAAF vorzugehen, wäre Quatsch gewesen."

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