Sport : Hallenhockey: Aus der Dynastie ins Exil

Heinrich Geiselberger

Nach dem Tor rennt Florian Keller zur Bande und reißt jubelnd den Mund weit auf. Wie Diego Maradona bei der Fußball-WM 1994. Bei Hockeyspielern versperrt aber zum Glück der Mundschutz aus Plastik tiefere Einblicke. In diesem Fall ist er rot und blau - die Farben des Berliner Hockey-Clubs (BHC). Gerade hat Florian Keller seine Mannschaft im Viertelfinale um die Deutsche Hallenmeisterschaft erneut in Führung geschossen. Im Spiel gegen Rot-Weiß München ist der Stürmer der auffälligste Spieler, erzielt drei der sechs Tore seines Teams. Die reichen am Ende leider nicht. Das Spiel geht 6:8 verloren. Keller ist so enttäuscht, dass er das Spielfeld schon kurz vor dem Abpfiff verlässt, als sein Team aussichtslos zurückliegt. Nicht aus Unsportlichkeit, sondern weil "ich sauer war, traurig und enttäuscht. Ich hätte mein letztes Spiel eben gern erst nächstes Wochenende gemacht."

Es war sein letztes Spiel für den BHC. Zur kommenden Saison wechselt der 19-jährige Nationalspieler zum Meister Harvestehuder THC.

Die Niederlage gegen München war besonders schmerzlich, denn kommendes Wochenende findet die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft statt, in der Max-Schmeling-Halle. Ausgerechnet in Berlin, der Stadt, in der die legendäre Keller Family ihre Heimat hat. Vermutlich hätten sie alle auf der Tribüne gesessen und den jüngsten Spross der Hockey-Dynastie angefeuert: Opa Erwin Keller, der Grandseigneur des deutschen Hockeys, schon 1936 Silbermedaillengewinner bei den Spielen in Berlin. Vater Carsten Keller, 1972 Kapitän des ersten deutschen Olympiasiegers. Bruder Andreas, auch er natürlich 1984 Olympiasieger in Los Angeles. Schwester Natascha, 1999 Welthockeyspielerin des Jahres. Und all die anderen, denn es gibt in der ganzen Familie so gut wie niemanden, der nichts mit Hockey zu tun hat.

Talent vererbt sich weiter, und auch die Besessenheit. Für Bundestrainer Bernhard Peters ist Keller "eines der größten Talente der letzten Jahre". Die Abgezocktheit und Übersicht des erst 19-Jährigen verhalfen ihm bereits früh zu bemerkenswerten Erfolgen. 1999 war er mit 17 zum ersten Mal Torschützenkönig bei den Herren und nahm an seiner ersten EM teil. Auch in der letzten Feldsaison war er der erfolgreichste Angreifer. Im Januar wurde er Europameister in der Halle.

Und die Hamburger wurden auf ihn aufmerksam. Florian ist der erste Keller, der Berlin verlässt, um Hockey zu spielen. Sein Bruder spielte zwar für Gladbach, pendelte dort jedoch von Berlin aus hin. Die anderen spielten für den BHC.

Für den Bundestrainer ist dieser familiengeschichtliche Kontinuitätsbruch aber ein interessanter und wichtiger Schritt für die Entwicklung seiner Nachwuchshoffnung, und zwar "nach allen Seiten: sportlich, persönlich und auch beruflich." Denn gerade im Amateur-Leistungssport stehen Talente oft vor der Entscheidung Sport oder Ausbildung. Manche Juniorennationalspieler legen deshalb den Hockeyschläger ab, sobald sie mit der Schule fertig sind. Für Florian Keller kommt das nicht in Frage: "Das geht doch nicht. Hockey macht viel zu viel Spaß. Davon kommt man nicht los." Schon gar nicht, wenn man Keller heißt.

Die Hamburger bieten ihm nun aber auch eine interessante Perspektive für die Zeit nach dem Hockey. Keller, der bis jetzt beim Landessportbund Berlin als Kommunikationskaufmann ausgebildet wird, kann in der Hansestadt bei einer Sportmarketingfirma weitermachen. Natürlich verbessert er sich auch sportlich. Harvestehude nimmt als Meister am Europacup teil. Eine Gelegenheit, sich sportlich weiterzuentwickeln. Schließlich soll es ja 2004 klappen mit der Goldmedaille. Kennen lernen kann er seine neue Mannschaft bereits am Wochenende. Im Gegensatz zum BHC hat sich Harvestehude für das Halbfinale qualifiziert. Seinen blau-roten Mundschutz will er behalten.

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