Sport : Hallenparty mit Imageproblem

Sechstagerennen kämpfen um Fahrer

Frank Hellmann

Bremen - Es gehört zum festen Ritual dieses Radsports-Events, dass die vermeintlichen Protagonisten sich immer dann klaglos an die hölzerne Bande oder auf die Pritschen im Fahrerlager hocken, wenn die wahren Stars auftreten. Auch am vierten Tag des Bremer Sechstagerennens hieß es gestern wieder: Bühne frei für die diesmal zu dritt agierenden Blödelbarden Klaus&Klaus&Klaus mit ihren Gassenhauern „Nordseeküste“ oder „Polizeistunde“. Das sind die Zeiten, in den der bis dahin bei seinen Sprints ekstatisch gefeierte Erik Zabel freiwillig in den Hintergrund tritt und 15 000 Menschen in der Halle das Schunkeln beginnen.

In Sachen Sechstagerennen ist Bremen einzigartig – wie Zabel und Kollegen ausnahmslos versichern. Nirgendwo sonst strömen so viele Zuschauer (130 000) und wird so viel umgesetzt (mehr als vier Millionen Euro). Natürlich ist das Gros der feierfreudigen Besucher lieber in den rauchgeschwängerten Hallen, als nüchtern zu verfolgen, welches Profipaar gerade einen Rundengewinn herausfährt. „Die Mischung macht’s“, beteuert Bremens Macher Frank Minder, „wir bieten Top-Sport, Top-Show, Top-Gastronomie.“ Zu kopieren sei dieses Konzept keineswegs. „Jeder muss seinen Weg finden“, sagt Minder, dann verweist er auf die besonders große Bahn in Stuttgart, wo der Sixday-Zirkus ab Mittwoch Station macht, oder das besondere Fachpublikum in Berlin, wo vom 25. Januar an im Velodrom an der Landsberger Allee gefahren wird.

Vor allem in den 70er und noch in den 80er-Jahren boomte das Geschäft mit den Sechstagerennen, denen aber vor wenigen Jahren das endgültige Aus drohte, als das winterliche Angebot auf sieben Veranstaltungen geschrumpft war. „Richtig bedrohlich“ sei dies gewesen, erzählt Minder, der heute wieder von einem „leicht positiven Trend“ spricht. Mittlerweile gibt es international 13 Rennen, und demnächst könnten Leipzig oder Köln nach Dortmund, München, Bremen, Stuttgart und Berlin die sechste deutsche Veranstaltung werden. Gleichwohl bleibe jede Sixday-Veranstaltung „ein harter Kampf“, sagt Patrick Sercu, Bremens Sportlicher Leiter.

Beim traditionsreichen Event in Dortmund Ende Oktober verloren sich mitunter nur 3000 Besucher in der Westfalenhalle, in Gent starb nach einem schrecklichen Sturz ein Fahrer – das Rennen wurde abgebrochen. Ein weiteres Problem: Kein junger Straßenfahrer strebt heute noch auf die Bahn. „90 Prozent der Profis können und wollen gar nicht mehr auf der Bahn fahren“, sagt Minder.

„Selbst der Weltmeister hat es nicht mehr nötig, seine Erfolge bei einem Sechstagerennen zu versilbern, deshalb müssen wir eine ganz neue Generation aufbauen“, sagt der Belgier Sercu. Aber er warnt gleich noch: „Das braucht ein bisschen Zeit.“

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