Sport : Hals über Kopf

Der sprungstarke Matthias Fahrig hofft bei der Turn-EM auf eine Medaille

Jürgen Roos

Berlin - Die erste Bahn von Matthias Fahrigs Bodenkür hat es in sich: Doppelsalto vorwärts, Salto vorwärts mit halber Schraube, Doppelsalto rückwärts – alles hintereinander und punktgenau in den Stand. Wer da unvorbereitet zuschaut, wähnt sich im Zirkus. Oder ihm wird schwindlig. „Diese Kombination springt kein anderer auf der Welt“, sagt der deutsche Turn-Cheftrainer Andreas Hirsch, „diese erste Bahn wird auffallen.“

Wie auch der Turner, der sie präsentiert bei der Europameisterschaft, die heute in Debrecen in Ungarn beginnt. „Ich denke nicht viel nach und springe einfach drauf los“, sagt der 19-Jährige aus Halle. Ein Sprungwunder, sagen die Experten über Matthias Fahrig. Und ein Kandidat für die EM-Finals am Boden und Sprung, vielleicht sogar gut genug für eine Medaille.

Diese Sprungstärke hat er im übrigen auch dem Star des Teams, Fabian Hambüchen, voraus. In dessen Schatten hat es Fahrig beim Sprung über den Tisch, der früher Pferd genannt wurde, bereits zweimal zu zweiten Plätzen im Weltcup gebracht, in Stuttgart und in Sao Paolo. Dass er vor zwei Wochen Deutscher Meister an seinem Lieblingsgerät wurde, versteht sich fast von selbst. Und jetzt beginnt die EM. Seine Chancen? „Ich will nicht spekulieren“, sagt er, „aber wenn ich mein Zeug durchbringe, kann es schon eine gute Platzierung werden.“

Andreas Hirsch, der Cheftrainer, denkt ähnlich. „Wenn er seine Sprünge sauber hinstellt, hat er Chancen auf einen Finalplatz“, sagt er, „aber die Konkurrenz ist barbarisch gut.“ Doch der 1,66 Meter große Zivildienstleistende wird auffallen. „Allein durch seine spezielle Art zu turnen, wird er auf sich aufmerksam machen“, sagt Hirsch. Die Erklärung für diesen außergewöhnlichen Schwung beim Sprung? Hirsch sagt: „Matthias hat sehr schnelle Muskelfaserstrukturen, die es ihm ermöglichen, mehr Drehungen im Raum zu entwickeln als andere.“ Fahrig, Sohn einer Deutschen und eines Kubaners, sagt grinsend: „Vielleicht steckt diese Energie einfach in meinem kleinen, braunen Körper drin.“

Weniger Spaß versteht der 19-Jährige, wenn er zum tausendsten Mal gefragt wird, wie es sich denn so lebt im Schatten von Fabian Hambüchen. „Schwierig“, antwortet er dann, „wir anderen haben bei Olympia in Athen schließlich auch Leistung gebracht – aber nur einer wird herausgehoben.“ Ein Problem hat Matthias Fahrig damit aber nur bedingt. Weil er mit seiner offenen und lockeren Art ebenfalls gar nicht so schlecht ankommt. Privat sind Fahrig und Hambüchen dicke Freunde, die sich bei Lehrgängen und Wettkämpfen das Zimmer teilen. Wie in Debrecen. „Wir machen Mist und lachen den ganzen Tag zusammen“, sagt Fahrig, der für diese Sportart, in der es doch so auf Disziplin ankommt, fast ein bisschen zu entspannt wirkt.

Sein Weg zum Turnen war kurios. Als Kind machte er seinem Nachnamen alle Ehre, war kaum zu bremsen und zerschoss mit einem Fußball eine Turnhallenscheibe in Wittenberg. Statt davonzulaufen, ging der Achtjährige in die Halle und begann mit dem Turnen. „Ein lustiger Zufall“, sagt Fahrig, der bereits nach kurzer Zeit ins Leistungszentrum Halle wechselte, wo er heute noch trainiert. Allerdings hat er dort nicht gerade optimale Bedingungen. Die Turner mussten schon vor einiger Zeit in eine Leichtathletikhalle ausweichen, wo sie ganz ohne die obligatorischen Weichbodengruben trainieren. Fahrig will nach dem Zivildienst eine Lehre als Fitnesskaufmann antreten – er liebäugelt aber auch mit einem Wechsel nach Stuttgart, wo Europas modernstes Turnzentrum steht. Vielleicht ist er in Gedanken schon wieder auf dem Sprung? „Jetzt kommt erst mal die EM und dann sehen wir weiter.“ Nehmen würden sie ihn in Stuttgart sofort – ob mit oder ohne Medaille.

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