Sport : Hamann denkt, Ballack lenkt …

… und Schneider gibt den Künstler: Das deutsche WM-Mittelfeld ist wieder beisammen

Stefan Hermanns

Hannover. Bernd Schneider übte sich in ungewohnten Aufbau- und Stabilisierungsmaßnamen. Als der Mittelfeldspieler von Bayer Leverkusen im Mannschaftshotel der deutschen Elf in Barsinghausen aufs Podium des Presseraums trat, kippte die Stellwand mit den Sponsorenlogos um. Schneider mühte sich anschließend mit Harald Stenger, dem Sprecher des Deutschen Fußball-Bundes, die Wand wieder an die richtige Stelle zu bugsieren. Die Angelegenheit erwies sich als schwierig. Aber Schneider kennt sich aus mit solchen Aufträgen, und irgendwann wackelte die Wand nicht mehr.

Am vergangenen Freitag hatte Teamchef Rudi Völler den Leverkusener mit einer ähnlichen Mission betraut. Die deutsche Nationalmannschaft spielte in Sarajevo gegen Bosnien-Herzegowina. Eine Halbzeit lang wirkten die Darbietungen des Vizeweltmeisters äußerst mau, und erst als Schneider nach der Pause eingewechselt wurde, erhielt das Mittelfeldspiel so etwas wie Strukturen.

Am Mittwoch, im EM-Qualifikationsspiel gegen die Färöer, wird der Nationalspieler von Bayer Leverkusen qualifizierte Unterstützung erhalten. Dietmar Hamann und Michael Ballack spielen an seiner Seite, und damit ist das deutsche Mittelfeld wieder vereint, das die Nationalmannschaft im Juni bis ins WM-Finale geführt hat: mit Hamann als Organisationstalent in der Defensive, mit Ballack als strategischem Lenker und Schneider als freischaffendem Künstler in der Offensive. „Von der taktischen Anordnung hat das gut gepasst", sagt Hamann. Die einzige Niederlage bei der Weltmeisterschaft kassierte die Mannschaft im Finale – als Ballack fehlte; das schwächste Spiel machte sie gegen Paraguay – ohne den gelbgesperrten Hamann.

Mit der Kernbesetzung Hamann-Ballack-Schneider hat Teamchef Rudi Völler für seine Zentrale eine Formation gefunden, die dem deutschen Spiel zwar nicht unbedingt magische Momente beschert, aber zumindest eine gewisse Balance garantiert. Das war nicht immer so. Im Laufe seiner zweijährigen Amtszeit hat der Teamchef verschiedene Varianten getestet: mit zwei Defensivleuten (Hamann und Jeremies oder Ramelow) oder mit zwei Spielmachern (Ballack und Deisler). Als dauerhaft stabil hat sich keine dieser Formationen erwiesen.

Die positiven Erfahrungen bei der WM erklären vielleicht, warum in den Tagen vor dem Spiel gegen die Färöer kein Thema mehr Aufsehen erregt hat als der Gesundheitszustand Michael Ballacks, der in der vergangenen Woche wegen einer Grippe zu Hause am Starnberger See geblieben war. Der Wert des Mittelfeldspielers vom FC Bayern für die Nationalelf ist unbestritten. „Er ist nicht nur für mich wichtig“, sagt Schneider, „er ist für die ganze Mannschaft wichtig." Als Ballack am Sonntag in Barsinghausen eintraf, berichtete der Sportinformationsdienst: „Der Messias schwebte mit einer gewöhnlichen Linienmaschine aus München ein. Und Rudi Völler atmete auf." Carsten Jancker, der Stürmer der Nationalmannschaft, wies vergeblich darauf hin: „Der Ballack gewinnt auch kein Spiel allein.“ Genau dieser Eindruck war aber zuletzt entstanden.

Doch die normalen Gesetze scheinen bei Ballack ohnehin außer Kraft gesetzt. Als bei der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea dauerhaft über seinen Fitnesszustand spekuliert wurde, verkündete Ballack: „Wenn ich spiele, bin ich hundert Prozent fit.“ Bei allen anderen Fußballern ist die Kausalität umgekehrt: Wenn sie fit sind, spielen sie. Dr. med. Rudi Völler überraschte die Öffentlichkeit am Tag nach Ballacks Genesung mit der Feststellung: „Die Grippe hat ihm wohl ganz gut getan.“ Normale Menschen sollen da ja schon ganz andere Erfahrungen gemacht haben.

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