Hambüchen : Der Familienturner

"Persönliche Ansprechpartner": Fabian Hambüchens Erfolge wären ohne die Betreuung seines privaten Umfeldes kaum denkbar.

Frank Bachner
Hambüchen
Foto: dpa

StuttgartIrgendwo in der Aufwärmhalle stand auch Andreas Hirsch, weit weg natürlich von Fabian Hambüchen. Hirsch war ein personifiziertes Notfallprogramm, er wollte nur eingreifen, wenn es ein ganz besonderes Problem gab. Der Chef-Bundestrainer im Kunstturnen ist unmittelbar vor einem wichtigen Wettkampf nicht im Hambüchens engem Umfeld vorgesehen. Hirsch akzeptiert das gelassen. „Er braucht da seine ganz persönlichen Ansprechpartner.“ Und das sind: Vater Wolfgang, zugleich auch Trainer, Onkel Bruno, Diplom-Psychologe und Mental-Trainer, manchmal noch Klaus Kärcher, Manager, und Mutter Beate. Hirsch weiß ja, dass es auch ohne ihn geht, auch vor einem Reck-Finale bei der Weltmeisterschaft. Zwei Stunden später hatte Fabian Hambüchen am Sonntag in Stuttgart Gold gewonnen. „Eine phänomenale Woche war das für ihn“, sagte Hirsch. Bronze mit dem Team, Silber im Mehrkampf-Einzel, Gold am Reck.

Diese hervorragende Bilanz hat viel mit Nestwärme zu tun. Der Weltklasse- Turner Hambüchen hat sein familiäres Umfeld nie verlassen. Er ist der einzige deutsche Spitzenturner, der an keinem der zentralen Stützpunkte des Verbands trainiert. Hambüchens sportliche Heimat ist eine Turnhalle in Wetzlar, einige Kilometer von Blasbach entfernt. Dort ist er aufgewachsen. Er wohnt jetzt nicht mehr zu Hause, aber er trainiert unverändert in Wetzlar. Hier fiel er schon als Sechsjähriger in die Schnitzelgrube. Sein Vater arbeitet seit langem als hessischer Landestrainer in Wetzlar, damals kümmerte er sich vor allem um seinen älteren Sohn Christian. Fabian war nur zum Spielen dabei, aber irgendwann registrierte Vater Hambüchen verblüfft, dass sein jüngerer Sohn gerade perfekt den älteren Bruder nachahmte und eine Riesenfelge am Reck zeigte. Fabian Hambüchen hatte keine Angst, und er hatte ein enormes Körpergefühl – diese Kombination bildete die Basis für seinen Aufstieg.

Dass er aber Weltmeister, Vize-Weltmeister und Europameister werden konnte, hat viel damit zu tun, dass Hambüchen keine Allüren erlaubt werden. Vater Wolfgang Hambüchen setzt dem Sohn notfalls enge Grenzen, die Mutter und der Onkel genauso. „Meine Eltern sorgen dafür, dass ich nicht abhebe“, sagt Hambüchen. „Andererseits haben sie mich nicht gelenkt oder geschoben.“ Und sie bilden einen familieninternen Abschirmdienst. In den Monaten vor den Olympischen Spielen 2004, als der Hambüchen-Hype ánsatzweise begann, da erlaubten sie nur zwei Foto-Shootings mit Sponsoren. Auch jetzt beraten sie, gemeinsam mit Manager Kärcher, ihren Sohn.

Bruno Hambüchen stärkt die Psyche des Neffen. Fabian, sagt der Onkel, wittere intuitiv seine Chance, und dann greife er zu. In Fabian Hambüchens Zimmer hängt ein Poster des japanischen Olympiasiegers Hiruyoki Tomita. Als Vorbild, Hambüchen möchte ihm nacheifern, aus dessen Fehlern lernen. Im Mehrkampf-Finale der WM patzte Tomita mehrfach, die Chance für Hambüchen auf eine Medaille. Er ergriff sie, allerdings ohne Triumphgefühl. Der 19-Jährige empfinde keine Freude bei Patzern von anderen, erzählt Bruno Hambüchen. Das könnte im Unterbewusstsein zugleich zum Gedanken führen, das ihm das auch passieren könne.

Deshalb ist der 19 Jahre junge Fabian Hambüchen auch ein ausgesprochener Teamplayer. Wenn beim DTB-Pokal in Stuttgart nicht Lokalmatador Thomas Andergassen auf den Plakaten zu sehen ist, sondern er, kann sich Hambüchen darüber aufregen. Er ist ein Star, aber er gibt diese Rolle nicht gern. In seinem Zimmer hängt auch ein Boxhandschuh mit dem Autogramm von Muhammad Ali. Hambüchen verehrt Ali. Das Motto des Boxidols ist auch seines: „Ich bin, wie ich bin – und nicht, wie ihr mich haben wollt.“

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