Sport : „Hamburg bleibt spitze“

ATP-Marketingchef Henke über die neue Tour, die Tennis-Fernsehrechte und den Hamburger Regen

Herr Henke, im kommenden Jahr wird die ATP-Tour, also die Tennis-Tour der Männer, umstrukturiert. Muss das sein?

Wir haben festgestellt, dass die Tour zu kompliziert war und man nicht mehr so leicht überblicken konnte, welches Turnier wo welchen Stellenwert hat. Der sogenannte Light User, also der latent informierte Tennisfan, hat den Anschluss verloren bei den verschiedenen Turnierkategorien und deren Gewicht für die Weltrangliste. Jetzt haben wir ein neues System mit drei Kategorien, je nachdem wie viele Weltranglistenpunkte es zu gewinnen gibt: 1000, 500 oder 250.

Das Saisonfinale findet diesmal in Schanghai statt. Haben Sie das Gefühl, dass Europa mit dem immer stärkeren Engagement der Asiaten an Bedeutung verliert?

Europa ist nach wie vor einer der wichtigsten Märkte. In Spanien ist Tennis ein großes Thema, da scheinen gute Spieler auf den Bäumen zu wachsen. Auch Frankreich, Großbritannien und, ja, Deutschland sind große Märkte. Klar passiert viel in Asien – China und Indien legen nach –, aber das Zentrum ist nach wie vor Europa. Den Standort stärken wir dadurch, dass das Finale der Tour ab dem nächsten Jahr nicht mehr in Schanghai, sondern wieder in Europa, in London, stattfinden wird.

Deutschland nennen Sie auch. Der allgemeine Eindruck ist ein anderer: Das Interesse an Tennis hat deutlich nachgelassen.

Der Eindruck mag stimmen, aber die Fakten sagen etwas anderes: Es gibt hier knapp zwei Millionen organisierte Tennisspieler und weitere zwei Millionen, die auf Mietplätzen spielen. Außerdem haben unsere Marktanalysen ergeben, dass sich immer noch 16 Millionen Deutsche für Tennis interessieren.

Ist es da nicht kontraproduktiv, auf ein Turnier wie den Hamburger Rothenbaum als Topturnier zu verzichten?

Es ist falsch, dass Hamburg kein Topturnier mehr ist. Der Rothenbaum hat zwar den Masterstatus verloren, aber ist immer noch ein 500er-Turnier und damit das am höchsten eingestufte Turnier in Deutschland. Außerdem gehört es immer noch zu den Top-20-Turnieren der Tour.

Aber der neue Termin im Juli, nach dem Höhepunkt in Wimbledon, ist eine Verschlechterung für ein Sandplatzturnier.

Das vermag ich nicht einzusehen. Im Juli gibt es sehr attraktive Turniere, zum Beispiel Bastad in Schweden, Gstaad in der Schweiz und natürlich Stuttgart. Ich habe lange genug in Hamburg gelebt. Ich kann Ihnen sagen, wenn Sie da nicht geboren sind, war es gewöhnungsbedürftig, Anfang Mai oder Ende April öfter auch mal bei vier Grad auf der Tribüne zu sitzen, wenn der Regen waagerecht auf einen zukommt. Aber im Ernst: Der Sommertermin wird sich sicher bewähren. Man kann auch nicht immer in der Vergangenheit leben. Das Gewicht hat sich international etwas verschoben. Es gibt an vielen Orten der Welt riesige Investitionen in bestehende Anlagen und gigantische neue Stadien, sehr viele Tennisfans und ein großes Medieninteresse.

Hat Ihre Entscheidung auch mit der mangelnden Fernsehpräsenz der ATP-Tour in Deutschland zu tun?

Auch das ist ein Punkt, der uns beschäftigt. Deutschland ist das einzige Land unter den Hauptmärkten, in dem das internationale Fernsehpaket der ATP nicht zu sehen ist.

Warum will die Fernsehrechte in Deutschland niemand haben?

Es mag in den jeweiligen Verhandlungen gute Gründe dafür geben, dass man nicht zusammenkommt. Aber die öffentlich- rechtlichen Sender haben auch in der Euphorie der 90er Jahre, mit dem Erfolg von Boris Becker und Steffi Graf, Fernsehverträge gemacht, die in den beginnenden Abschwung des Sports in Deutschland fielen. Da herrscht jetzt vielleicht eine gewisse Vorsicht, sich wieder zu engagieren, obwohl Tennis sich wieder im Aufschwung befindet.

Der Deutsche Tennis-Bund DTB hat sich trotz dieser Begründung entschieden, die ATP wegen des Hamburger Turniers zu verklagen. Hätte man sich nicht auch anders einigen können?

Das denke ich schon, aber bitte verstehen Sie, wenn ich zum Prozess keine Auskunft geben kann. Das Urteil hat der ATP in allen Punkten Recht gegeben, der DTB hat dagegen Berufung eingelegt, und das Verfahren läuft noch. Für das kommende Jahr hat Hamburg nun erstmal Termin und Status akzeptiert. Das freut uns. Alles Weitere wird man nach dem Prozess sehen.

Das Gespräch führten Anke Myrrhe und Stefan Hermanns.

Peter Henk e, 48,

ist Vizepräsident

im Bereich Marketing

für die ATP in Europa.

Der frühere

IMG-Manager war

maßgeblich an der

Umgestaltung der Männer-Tour beteiligt.

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