Hamburg Freezers : Die Unverfrorenen

Die Hamburg Freezers entwickeln sich zum Gegenentwurf der erfolgreichen Eisbären Berlin. Hamburgs Eishockey fehlt es vor allem an Perspektiven.

Claus Vetter[Hamburg]
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Der Freezer seilt sich nicht mehr von der Hallendecke ab. Die hochtrabende Show des Supermans im Blaukostüm ist Vergangenheit. Nun steht ein einsamer Eishockeyspieler auf der Mitte der Eisfläche in der Hamburger Arena, in gleißendem Lichtgestöber. Am Videowürfel zündet ein sparsames Feuerwerk. Die Comicfigur Freezer, gespielt von einem Menschen im Kostüm, trägt menschliche Züge. So wollte es die Marketingabteilung des Klubs. In Krisenzeiten wirkt ein Superheld als Maskottchen lächerlich. Die Spieler, die am Sonntag auf das Eis der Arena huschen, sind Tabellenletzter der Deutschen Eishockey-Liga (DEL).

Moritz Hillebrand, kommissarischer Generalbevollmächtigter des Klubs, sagt: „Der Freezer ist menschlicher, ist verletzlicher geworden.“ Sinkende Zuschauerzahlen, sportlicher Misserfolg und das Vorurteil, im achten Jahr noch nicht richtig in Hamburg angekommen zu sein – das sind die Probleme des Klubeigners Anschutz-Gruppe. Wenn Detlef Kornett, Europa-Chef des amerikanischen Unternehmens, sagt: „Hamburg rückt jetzt mehr in den Fokus“, dann ist das auch ein Schuldeingeständnis für die jahrelange Vernachlässigung.

Seit Jahren haben sie sich bei Anschutz vorrangig um ihren anderen Standort in der DEL gekümmert. In Berlin hat das Unternehmen Europas modernste Halle gebaut, die Eisbären spielen fast immer vor 14 000 Zuschauern, sind Deutscher Meister und führen die Tabelle an. Am unteren Ende der Tabelle dümpeln die Freezers. Die Fans protestieren, der Boulevard verspottet den Klub als „Miesers“. Geduld kommunizieren, das funktioniere in Hamburg nicht mehr, sagt Hillebrand. „Wir können uns keine Übergangssaison leisten. Wer kauft dafür Eintrittskarten?“

Eigentlich arbeitet Hillebrand bei der Anschutz-Zentrale in Berlin. In Hamburg ist er Feuerwehrmann. Die Parameter sind ihm vertraut: gleich große Halle und gleiche Voraussetzungen wie in Berlin. Nur der Erfolg fehlt. Bei den Freezers haben sie Geschäftsführer Boris Capla jahrelang vor sich hin werkeln lassen. „Die Zahlen stimmen“, hat Detlef Kornett oft gesagt. Der Anfang der Freezers war auch euphorisch: Vor sieben Jahren wurden die finanziell unerfolgreichen München Barons vom Klubeigner nach Hamburg verfrachtet. Bis 2007 lag der Zuschauerschnitt im fünfstelligen Bereich. Das Team kam immer in die Play-offs, und da fiel es gar nicht so sehr auf, dass Capla kaum perspektivisch dachte. Eine Nachwuchsarbeit wie bei den Eisbären wurde beispielsweise nie angestoßen.

In dieser Saison ging es ganz schnell nach unten. Sonntag, beim Heimspiel gegen die DEG, sind nur 6300 Zuschauer gekommen. Das Spiel lässt fast alles vermissen, was Eishockey interessant macht: Körpereinsatz, Tempo, Tore. Am Ende wird die Krise zumindest ein bisschen gelindert. John Tripp erzielt in der Verlängerung das Siegtor zum 2:1 für Hamburg. Tripp sagt später in der Kabine: „Zum Glück haben wir jetzt erst einmal zwei Wochen Pause.“ Zwei Wochen kein Krisengeschwätz, das sei „Wellness für den Kopf“, sagt Torwart Jean-Marc Pelletier. „Denn hier hauen dir die Leute Dinge an den Kopf, das gibt es gar nicht.“ Als Trainer Paul Gardner nach dem Spiel die Tabelle studiert, seufzt er. Gardners Gesichtsfarbe ist herbstlich. „Wir sind leider immer noch ganz unten“, sagt er.

Die Hamburger Fans machen trotzig auf gute Stimmung. In der Krise rücke man zusammen, sagt Hillebrand. „Auch die Eisbären sind in Berlin erst durch ihre Krisen groß geworden. Noch heute rühmen sich Fans, in schlimmsten sportlichen Zeiten dabei gewesen zu sein“, sagt der einstige Pressesprecher der Eisbären. „Wir erleben hier vielleicht die konstituierende Phase für die Zukunft bei den Freezers.“ In der konstituierenden Phase wird deutlich, dass es den Freezers an Identität fehlt. Die Hamburger wollten, sagt der Berliner Hillebrand, Hamburger in Führungsrollen sehen. „Ich bin das Gesicht der Krise und suche die Gesichter der Zukunft.“ Er sucht einen Sportdirektor und einen Geschäftsführer, möglichst mit Hamburg-Bezug. Weil es seiner Meinung nach unabdinglich ist, das Hamburger Bürgertum für das Eishockey zu gewinnen, ist Hillebrand stolz darauf, dass beim Grillfest des Klubs gleich zwei Hamburger Senatoren vorbeikamen.

Nur wenige Meter von der Halle im Volkspark steht die Fußball-Arena des HSV. Kürzlich schaute Bruno Labbadia bei den Freezers vorbei: „Eishockey ist eine tolle Livesportart.“ In Hamburg allerdings zurzeit nicht. Vielleicht gewinnen die Freezers in der Krise Hamburg für sich. Mit hanseatischem Realitätssinn, aber ohne Euphorie.

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